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Vorträge 2026

Unsere Keynote-Speaker

Dr. Jürgen Michels – Chief Economist, BayernLB

Frikadelle oder Hackfleisch? Warum Europas Zukunft von Zusammenhalt abhängt

Die Weltwirtschaft steht vor einer Phase tiefgreifender struktureller Veränderungen. Geopolitische Spannungen, steigende Zinsen und neue industriepolitische Prioritäten verschieben die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse – mit direkten Auswirkungen auf Europa und die Edelmetallmärkte. Der Vortrag von Jürgen Michels zeigt, wie eng wirtschaftliche Stabilität künftig mit strategischem Zusammenhalt verknüpft ist.

 Wenn es um die Zukunft der europäischen Wirtschaft geht, greift Dr. Jürgen Michels zu einem kulinarischen Vergleich, der im Gedächtnis bleibt: Europa müsse wie eine „Frikadelle“ zusammenwachsen, um dem massiven Druck von außen standzuhalten. Werde der Kontinent stattdessen wie loses „Hackfleisch“ auseinandergedrückt, bleibe am Ende in der geopolitischen Zange zwischen den USA und China nichts mehr von ihm übrig.

In seinem Vortrag „Wer sieht Licht am Ende …? Die Lage im Land und in der Welt“, gehalten beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, zeichnete der Chefvolkswirt der BayernLB ein komplexes Bild der Weltwirtschaft. Sein Fazit: Das Licht am Ende des Tunnels ist derzeit schwer zu finden, da wir uns in einer Phase tiefgreifender struktureller Veränderungen befinden, die Michels unter den „6Ds“ zusammenfasst.

Diese sechs Megatrends – Demografie, Deglobalisierung, Digitalisierung, Dekarbonisierung sowie die neu hinzugekommenen Faktoren Verteidigung (Defense) und Verschuldung (Debt) – bilden laut Michels den Rahmen, in dem Regierungen und Unternehmen heute agieren müssen. Anders als bei früheren Krisen, die oft durch einfache Lohnanpassungen gelöst werden konnten, erfordern die heutigen Herausforderungen eine weitaus tiefere Transformation der Wettbewerbsfähigkeit.

Ein besonderes Augenmerk legte der Ökonom auf die aktuelle Energiekrise und deren Auswirkungen auf die Edelmetallmärkte. In einem Umfeld, in dem der Ölpreis auf 112 USD klettert, würde man Gold klassischerweise als starken Inflationsschutz erwarten. Doch die Realität sieht anders aus: Da Gold keine Zinsen abwirft, leidet es massiv unter den stark gestiegenen Renditen am Zinsmarkt, wo 10-jährige US-Treasuries die Marke von 4,5 % anpeilen.

Michels erläuterte, dass die Märkte derzeit keine Zinssenkungen mehr einpreisen, sondern sich sogar auf weitere Erhöhungen durch die US-Notenbank Fed einstellen. Dies erzeugt einen enormen Gegenwind für Gold, das trotz der geopolitischen Panik bisher nicht den erwarteten „Shake-Out-Moment“ nach oben erlebt hat. Dennoch warnt er: Sollte der aktuelle Konflikt im Nahen Osten nicht begrenzt bleiben, droht im Verlauf des Jahres ein Stagflationsszenario inklusive Rezession.

Immerhin gibt es bei der Energieversorgung Lichtblicke für Deutschland. Durch den Ausbau erneuerbarer Energien und eine stärkere Diversifizierung beim Gas ist die Abhängigkeit von einzelnen Pipelines gesunken. An Tagen mit viel Wind und Sonne sinkt der Strompreis inzwischen sogar dann, wenn der Gaspreis steigt – eine Flexibilität, die uns robuster gegenüber physischen Lieferstopps macht als noch während des Ukraine-Kriegs.

Dennoch bleibt die geopolitische Sandwich-Position Europas prekär. Während man militärisch von den USA abhängig ist, bleibt die wirtschaftliche Bindung an China bei seltenen Erden und Vorprodukten eine Achillesferse. Michels fordert hier ein einheitliches europäisches Auftreten, wie es in Davos kurzzeitig gelang, um den protektionistischen Bestrebungen der Trump-Administration Paroli zu bieten.

Interessanterweise sieht der Chefvolkswirt in den steigenden Verteidigungsausgaben auch eine Chance für technologisches Wachstum. Investitionen in Satellitentechnologie oder Raketensysteme könnten positive Spillover-Effekte für zivile Bereiche wie das autonome Fahren haben. Voraussetzung sei jedoch, dass diese Innovationen in Europa stattfinden und nicht nur als „Stichwort Silicon Valley“ importiert werden.

Mit Blick auf die USA warnte Michels vor einer Erosion der Institutionen. Sollte die Fed ihre Unabhängigkeit verlieren und die Zinsen nur noch nach dem politischen Willen des Präsidenten senken, droht ein massiver Glaubwürdigkeitsverlust. Ein solches Szenario würde den US-Dollar schwächen und könnte das Euro-Dollar-Verhältnis mittelfristig bis auf 1,35 treiben.

Sorgen bereitet dem Experten zudem die mangelnde Transparenz im Finanzsektor, insbesondere beim Thema „Private Credit“. Da Banken strenger reguliert werden, hat sich das Kreditgeschäft in unregulierte Kanäle verlagert, was im Krisenfall zu unvorhersehbaren Verwerfungen an den Kapitalmärkten führen könnte. Auch die unaufhaltsam steigende Staatsverschuldung in den USA und Deutschland bleibt ein latentes Risiko.

Für die Jahre 2027 und 2028 prognostiziert Michels eine größere Korrektur am Aktienmarkt. Er geht davon aus, dass die enormen Investitionen in Künstliche Intelligenz bis dahin ihre Rentabilität beweisen müssen. Bleiben die erhofften Produktivitätsschübe aus, könnte das Platzen dieser Hype-Blase die Märkte weltweit belasten.

Trotz dieser dunklen Wolken schloss Michels seinen Vortrag mit einem Funken Hoffnung. Wir tappen zwar noch eine Zeit lang im Dunkeln und müssen schwierige Entscheidungen treffen, doch die „Erleuchtung“ liegt in der gemeinsamen Stärke. Wenn Europa es schafft, als kompakte Frikadelle aufzutreten und seine Strukturreformen entschlossen anzugehen, besteht die Chance, stabil durch diese stürmische Phase zu kommen.

Biografie: Dr. Jürgen Michels ist Chefvolkswirt und Leiter des Researchs der BayernLB in München und bekleidet diese Funktion seit Oktober 2013. Zuvor war er bei Citigroup in London tätig, zuletzt als Lead Euro Area Economist (ab 2008), nachdem er dort seit 2002 als Ökonom gearbeitet hatte. Davor war er unter anderem als Volkswirt bei Sal. Oppenheim sowie am Institut für Internationale Wirtschaftspolitik der Universität Bonn tätig.

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Stefan Müller – CEO, DGWA

Zu langsam, zu zögerlich: Die deutsche Rohstoffstrategie in der Kritik

Im globalen Wettbewerb um strategische Rohstoffe gerät Deutschland zunehmend unter Druck. Langsame Entscheidungsprozesse, fehlende staatliche Strategien und ein intensiver internationaler Wettbewerb erschweren den Zugang zu kritischen Ressourcen. Die Analyse zeigt, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Rohstoffpolitik heute enger miteinander verknüpft sind denn je.

In Brasilien dauert es manchmal vier Monate, bis ein einfaches Geheimhaltungsabkommen (NDA) mit deutschen Stellen unterzeichnet ist. Währenddessen fackeln chinesische Investoren nicht lange, nutzen die Zeit und kaufen schlichtweg das gesamte Projekt auf. Diese Anekdote von Stefan Müller illustriert drastisch das Tempo, in dem Deutschland im globalen Rohstoffpoker derzeit Boden verliert.

In seinem Vortrag „Hat fertig? Deutschland und seine Rohstoffsituation“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 zeichnete der CEO der DGWA GmbH ein ungeschöntes Bild der Lage. Er machte deutlich, dass die Bundesrepublik den strategischen Zugriff auf kritische Ressourcen weitgehend verspielt hat.

Rohstoffe werden heute längst als politische Waffen eingesetzt, doch dieser Krieg wird laut Müller nicht mit Soldaten, sondern mit dem Scheckheft geführt. Wer am schnellsten Kapital bereitstellt, sichert sich den Zugang zu den Schlüsseltechnologien von morgen. China hat dies perfektioniert und kontrolliert mittlerweile bereits sieben Prozent der gesamten afrikanischen Landmasse inklusive Häfen und Minen.

Müller betonte, dass Deutschland die am stärksten von Rohstoffen abhängige Industrienation der Welt sei, das Krisenpotenzial aber beharrlich verdränge. Während Länder wie Japan bereits 2010 staatliche Strukturen zur Rohstoffsicherung aufbauten, habe Europa den entscheidenden Zug absolut verpasst.

Besonders kritisch ist die Situation bei Rohstoffen für Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, moderne Rüstungssysteme und die Raumfahrt. Während der Ölmarkt seinen Zenit überschritten hat, wird der Markt für kritische Mineralien durch die enorme Inlandsnachfrage Chinas und den rasanten Aufstieg Indiens extrem eng.

Ein Kernproblem sieht der Experte in der Kurzfristigkeit der deutschen Politik, die primär in Wahlzyklen denkt. Da Minenprojekte oft eine Vorlaufzeit von zehn Jahren benötigen, fehlt den politisch Verantwortlichen der Anreiz, heute schmerzhafte Investitionsentscheidungen zu treffen.

Besonders gefährdet ist der deutsche Mittelstand, der oft nur kleine Mengen spezifischer Rohstoffe benötigt. Ein Maschinenbauer braucht vielleicht nur 50 Kilogramm Wolfram im Jahr für seine Bohrwerkzeuge, doch wenn diese ausbleiben, steht die gesamte Produktion still.

Müller warf der Regierung vor, die Verantwortung für die Rohstoffsicherung einseitig auf die Industrie abzuwälzen. Dabei fehle es in Deutschland an staatlichen Rahmenbedingungen für die Finanzierung und Absicherung der enormen Risiken solcher Projekte.

Auch die europäische Ebene bietet laut Müller derzeit wenig Anlass zur Hoffnung und gleicht einem Milliarden-Grab. In Brüssel sitzen 45.000 Menschen in zahllosen Arbeitskreisen, während fünf verschiedene Kommissare fünf unterschiedliche, nicht koordinierte Rohstoffstrategien verfolgen.

Scharfe Kritik übte Müller an der deutschen Außenpolitik, die sich zu oft in moralischen Empfindungen verliere. Es helfe wenig, in rohstoffreichen Ländern lediglich Goethe-Institute zu eröffnen, wenn die Konkurrenz aus den USA, Russland oder China mit harten Investitionszusagen punktet. Sein Fazit: Wir befinden uns in einem extrem harten geo-ökonomischen Wettkampf, in dem künftig auch Player wie Indien oder aufstrebende afrikanische Nationen ihre Rohstoffe als Machtfaktor einsetzen werden. Der globale Umgang um Ressourcen wird dadurch unversöhnlicher und vor allem deutlich teurer.

Müller schloss mit der Prognose, dass es wohl erst eines „Black Swan Events“ bedürfe, um ein echtes Umdenken in Deutschland zu erzwingen. Erst wenn Produkte des täglichen Bedarfs wie Tablets für Kinder nicht mehr produziert werden können und das gesellschaftliche Geschrei groß wird, entstehe die nötige Energie für echte Reformen.

Biografie: Stefan Müller ist CEO der im globalen Rohstoffgeschäft aktiven Investmentbanking-Gesellschaft DGWA mit Sitz in Frankfurt am Main. Er verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung in der Strukturierung, Entwicklung und Finanzierung von Rohstoff- und Bergbauprojekten. Er ist parallel als Berater für Politik, Verbände und globale Unternehmen bei der Entwicklung einer deutschen und europäischen Rohstoffpolitik tätig.

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John Reade – Senior Marketing Strategist, World Gold Council

Gold 2026: Warum Volatilität zur neuen Normalität wird

Der Goldmarkt hat sich in den vergangenen Jahren fundamental verändert: Rekordpreise, starke Korrekturen und neue Nachfragezentren prägen das Bild. Hinter den kurzfristigen Schwankungen steht ein struktureller Wandel, der die Rolle des Edelmetalls im globalen Finanzsystem neu definiert.

Es ist eine Situation, die selbst einen erfahrenen Marktstrategen wie John Reade kurz innehalten lässt: Noch nie in seiner jahrzehntelangen Karriere musste er einen Vortrag über die Stabilität von Gold halten, während der Preis desselben Metalls am selben Morgen um sage und schreibe 400 US-Dollar eingebrochen war. Dieser dramatische Auftakt verdeutlichte sofort, in welcher außergewöhnlichen Marktphase wir uns im Frühjahr 2026 befinden.

In seinem Bericht zur „aktuellen Lage auf dem Goldmarkt“, präsentiert beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, analysierte der Senior Market Strategist des World Gold Council die treibenden Kräfte hinter den Rekordständen und den jüngsten Turbulenzen. Reade machte deutlich, dass hinter der Fassade der nackten Zahlen ein fundamentaler Strukturwandel steht, der die Mechanismen der Preisbildung nachhaltig verändert hat.

Der Rückblick auf die jüngste Performance gleicht einer Berg- und Talfahrt der Superlative: Nachdem Gold im Jahr 2025 eine spektakuläre Wertsteigerung von 67 % in US-Dollar verzeichnet hatte, markierte der Januar 2026 mit einem Allzeithoch von 5.600 US-Dollar pro Unze den vorläufigen Gipfel. Doch die darauffolgende Korrektur auf ein Niveau zwischen 4.200 und 4.300 US-Dollar zeigt, wie nervös die Marktteilnehmer auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren.

Historisch betrachtet liegt die erwartete langfristige Rendite von Gold etwa zwei bis drei Prozent über der US-Inflationsrate. Dass wir jedoch in den letzten drei Jahren Zuwächse von 19 %, 26 % und schließlich 67 % gesehen haben, unterstreicht laut Reade, dass hier weit mehr als nur ein klassischer Inflationsschutz am Werk ist. Der Markt wird heute nicht mehr primär von der Schmuckindustrie, sondern massiv von der Investmentnachfrage dominiert.

Ein entscheidender Faktor für diese Entwicklung ist die geografische Verschiebung der Nachfrage in die Schwellenländer. Rund 70 % der weltweiten Konsumnachfrage entfallen heute auf China, Indien und Südostasien. Gold ist damit längst kein „westliches“ Asset mehr, sondern wird maßgeblich von den Ersparnissen und dem Sicherheitsbedürfnis asiatischer Anleger getrieben.

Dies spiegelt sich auch im Verhalten der Zentralbanken wider, die in den letzten 15 Jahren ausschließlich in den Emerging Markets als Käufer aufgetreten sind. Zwar haben die Zentralbankkäufe zuletzt aufgrund der extrem hohen Preise etwas nachgelassen, da viele Institute ihre strategischen Zielquoten im Portfolio bereits erreicht haben, doch sie bleiben eine stabilisierende Macht im Hintergrund.

Auf der Angebotsseite sieht sich der Markt mit einer nahezu statischen Minenproduktion konfrontiert, die seit 2018 nicht mehr nennenswert gewachsen ist. Selbst Rekordpreise führen nicht zu einer schnellen Ausweitung der Förderung, da neue Projekte Jahre Vorlauf benötigen. Auch das Recycling, das normalerweise bei hohen Preisen sprunghaft ansteigt, blieb zuletzt hinter den Erwartungen zurück, was das Angebot zusätzlich verknappt.

Die aktuelle geopolitische Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran hat die Lage im Frühjahr 2026 weiter verkompliziert. Anstatt als „sicherer Hafen“ zu fungieren, wurde Gold im ersten Schockmoment der kriegerischen Auseinandersetzungen ironischerweise verkauft, um Liquidität für andere Portfolioverluste zu generieren. Anleger trennten sich von ihren „Gewinnern“, um Löcher bei fallenden Aktien und Anleihen zu stopfen.

Reade wies darauf hin, dass die Treiber des Jahres 2025 – namentlich die Sorge um das US-Defizit und die Unabhängigkeit der Fed – im Jahr 2026 von neuen Problemen überlagert werden. Die drohende Verknappung von Energieprodukten wie Diesel infolge des Krieges und die damit verbundene neue Inflationswelle verändern das Kalkül der Investoren fundamental. Wir bewegen uns weg von einer rein währungspolitischen Diskussion hin zu einer handfesten Versorgungskrise.

Sollte dieser Konflikt anhalten, steuert die Weltwirtschaft auf ein klassisches Stagflationsszenario zu: stagnierendes Wachstum bei gleichzeitig hoher Inflation. Historisch gesehen war die Stagflation der 1970er Jahre die Phase mit der stärksten Performance für Gold. Bevor dieser Effekt jedoch voll durchschlägt, müssen die spekulativen Positionen, die auf ein anderes Szenario gewettet hatten, erst aus dem Markt gespült werden.

Für die strategische Vermögensallokation bedeutet dies ein Umdenken, weg vom klassischen 60/40-Portfolio aus Aktien und Anleihen. Da Staatsanleihen ihre Rolle als Diversifikator in einem inflationären Umfeld verlieren, fordern namhafte Strategen heute eine Goldquote von bis zu 20 %. Gold wird damit zum unverzichtbaren Gegengewicht in einer instabilen Finanzarchitektur.

Trotz des aktuellen Preiseinbruchs bleibt Reade für die langfristige Rolle von Gold optimistisch. Die Volatilität werde zwar anhalten und könne den Preis noch auf unerwartete Niveaus drücken, doch genau diese Rücksetzer böten strategische Einstiegschancen. In einer Welt der „Stagflation 2026“ bleibt Gold das ultimative Versicherungspolice-Asset, auch wenn der Weg dorthin steinig bleibt.

Biografie: John Reade ist ein Urgestein der globalen Goldbranche und heute Senior Market Strategist beim World Gold Council. Er verfügt über mehr als 35 Jahre Erfahrung in der Goldbranche. Zum World Gold Council kam er im Februar 2017, nachdem er zuvor unter anderem als Global Gold Strategist beim US-Hedgefonds Paulson & Co. tätig war. Vor dem Abstecher auf die Investorenseite war er über 13 Jahre Leiter der Edelmetallanalyseabteilung der schweizerischen UBS. In seiner Rolle publiziert er Marktanalysen und strategische Einordnungen rund um Gold und den Goldmarkt.

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Philip Vorndran – Partner, Flossbach von Storch Asset Management

Diversifikation statt Angst: Strategien für volatile Zeiten

Langfristiger Anlageerfolg entsteht nicht durch kurzfristige Marktprognosen, sondern durch disziplinierte Diversifikation und konsequentes Risikomanagement. In einem Umfeld aus hoher Verschuldung, geopolitischen Verschiebungen und struktureller Inflation bleibt Gold ein wichtiger Stabilitätsanker – jedoch nur als Teil eines ausgewogenen Portfolios.

Wer sein Gold regelmäßig „zum Friseur schickt“, hat meistens alles richtig gemacht. Was nach einer bizarren Wellness-Behandlung für Edelmetalle klingt, ist bei Philipp Vorndran, Partner des renommierten Vermögensverwalters Flossbach von Storch, die bildhafte Umschreibung für eine disziplinierte Rebalancing-Strategie. Wenn der Goldpreis massiv steigt, wird die Position gestutzt, um die ursprüngliche Gewichtung im Portfolio wiederherzustellen – ein Vorgehen, das in den letzten turbulenten 18 Monaten häufiger nötig war.

In seinem Vortrag „Der Blick auf die aktuelle Lage“, gehalten beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, analysierte Vorndran die tiefgreifenden Strukturbrüche der Weltwirtschaft. Er machte deutlich, dass es für professionelle Anleger nicht um den kurzfristigen Erfolg einzelner Assetklassen geht, sondern um die „Königsdisziplin“: durch kluge Diversifikation zu verhindern, dass Menschen aus Panik zum falschen Zeitpunkt das Falsche tun.

Ein zentrales Problem sieht Vorndran in der deutschen Mentalität, die stark von Angst geprägt ist – der Sorge, dass „morgen der Himmel auf den Kopf fällt“. Dies führe dazu, dass Deutschland eher eine Nation von Sparern als von Unternehmern sei, was wiederum die wirtschaftliche Dynamik bremse. Ironischerweise neigen gerade wohlhabende Deutsche aus Misstrauen gegenüber dem Staat zu massiven „Klumpenrisiken“ und halten teils 50 % ihres Vermögens in Edelmetallen, was sie wiederum anfällig für staatliche Maßnahmen wie Enteignungen oder Sondersteuern macht.

Vorndran skizzierte eine Welt im Umbruch, in der die jahrzehntelange globale Vorherrschaft der USA erodiert und der Staffelstab der Macht in den nächsten 15 bis 20 Jahren neu verteilt wird. Europa befinde sich dabei in einer prekären „Mühlsteinsituation“ zwischen den großen Blöcken. Diese geopolitischen Verschiebungen seien für den langfristigen Vermögenserhalt weitaus relevanter als die Frage, wie lange ein einzelner regionaler Konflikt andauert.

Besonders kritisch beurteilte er die globale Verschuldung in ungedeckten Papierwährungen, dem sogenannten Fiat-Geld. Was die Politik heute euphemistisch als „Sondervermögen“ deklariere, seien in Wahrheit „Sonderschulden“, die aus dem Nichts geschaffen würden. Wenn Staaten in dieser Breite das Vertrauen in die Wertaufbewahrungsfunktion ihres Geldes untergraben, ist die Flucht in reale Werte für Vorndran die logische und zwingende Konsequenz.

Die Ursachen für diesen Trend liegen laut Vorndran tief in der Demografie begründet, ein Thema, das er bereits vor 14 Jahren in seinem Buch „Die Schuldenlawine“ thematisierte. Da die demografische Entwicklung keine Überraschung ist, sondern seit den 90er Jahren feststeht, wirft er der Politik Untätigkeit vor. Je länger Reformen der Renten- und Gesundheitssysteme hinausgezögert werden, desto schmerzhafter werden sie für die wachsende Zahl der Wähler, deren Cashflow dadurch direkt bedroht ist.

Trotz des oft kritischen Blicks auf die USA sieht Vorndran dort die „ökonomische Post abgehen“. Im Gegensatz zu Europa schafften es die Amerikaner, ihre demografischen Probleme besser zu managen, da ihre Altersvorsorge nicht auf einer umlagefinanzierten gesetzlichen Rente, sondern auf Kapitalmarktinvestitionen basiert. Die technologische Führerschaft und die stabilere Bevölkerungsstruktur machen die US-Wirtschaft aus seiner Sicht zum klaren Favoriten gegenüber dem kriselnden Europa.

Um die Bedeutung verschiedener Anlageklassen zu verdeutlichen, stellte Vorndran die „Eine-Million-Euro-Frage“: Welchen Betrag hätte man vor 40 Jahren anlegen müssen, um heute Millionär zu sein? Während man bei kurzfristigen Spareinlagen, dem „liebsten Investment“ der Deutschen, stolze 340.000 Euro hätte investieren müssen, reichten beim DAX oder MSCI World deutlich geringere Summen aus. Gold lag mit einem benötigten Einsatz von 110.000 Euro zwar deutlich vor Bundesanleihen, konnte aber die Beteiligung an der Realwirtschaft nicht schlagen.

Besonders eindringlich warnte er vor der „Garantiegläubigkeit“ der Deutschen. Eine Garantie, die inflationsbereinigt an Wert verliert, sei wertlos. Da die Kaufkraft von einer Million Euro vor 40 Jahren heute nur noch etwa 450.000 Euro entspricht, ist der reale Kapitalerhalt die eigentliche Herausforderung. Vorndran betonte, dass selbst bei einer scheinbar moderaten Inflation von 2 % das Vermögen schleichend vernichtet wird.

Dass Gold dennoch ein unverzichtbarer Anker bleibt, illustrierte er am drastischen Beispiel der türkischen Lira, bei der der Goldpreis nominal förmlich explodiert ist. Auch wenn wir in Kontinentaleuropa noch keine türkischen Verhältnisse haben, bewege sich die Richtung der Staatsverschuldung in eine ähnliche Bahn. Wer darauf vertraut, dass die Inflation stabil bei 2 % bleibt, während gleichzeitig Steuern und Sozialabgaben die realen Renditen von Anleihen auffressen, begeht einen gefährlichen Denkfehler.

Für Vorndran ist Stagflation das wahrscheinlichste Zukunftsszenario, in dem Gold als Portfolio-Stabilisator glänzen kann. Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass Gold keine Dividenden erwirtschaftet und es Jahrzehnte geben kann, in denen das Edelmetall keine nennenswerten Zuwächse verzeichnet. Ein rein auf Gold basierendes Portfolio ist daher ebenso riskant wie ein Verzicht darauf.

Abschließend gab er eine klare Empfehlung für die Portfoliostrukturierung bei einem Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren: 80 % sollten in globale Aktien fließen, um an der Wertschöpfung der Weltwirtschaft teilzuhaben. Die restlichen 20 % teilen sich auf in 10 % physisches Gold als Krisenabsicherung und 10 % liquide „Manövriermasse“ für Gelegenheiten. Nur so lasse sich die Inflation real schlagen und eine solide Vorsorge für die Zeit nach dem Arbeitsleben treffen.

Biografie: Philipp Vorndran ist seit 2021 Partner bei Flossbach von Storch und seit 2009 im Unternehmen tätig. Zuvor war er globaler Chefstratege bei Credit Suisse Asset Management sowie CEO von Credit Suisse Asset Management Deutschland. Seine Laufbahn begann er bei Julius Bär; studiert hat er Betriebswirtschaftslehre an der Universität Würzburg.

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Unsere Referentinnen und Referenten

Lukas Braun, QS-Manager, SOLAR MATERIALS GmbH

Silber aus Solarmodulen: Wie „Urban Mining“ zur strategischen Ressource wird

Ausgediente Solarmodule entwickeln sich zunehmend zu einer relevanten Rohstoffquelle – insbesondere für Silber, das in der Photovoltaik unverzichtbar bleibt. Während weltweit Millionen Anlagen das Ende ihres Lebenszyklus erreichen, steht Europa vor der Herausforderung, effiziente Recyclingstrukturen aufzubauen. Neue technologische Ansätze zeigen, dass sich daraus nicht nur ein Umwelt-, sondern auch ein industriepolitisches Potenzial ergibt.

Die Vorstellung, dass die reichste Silbermine der Welt nicht tief unter der Erde, sondern auf unseren Dächern zu finden ist, mag zunächst populistisch klingen, basiert jedoch auf fundierten Daten zur Photovoltaik-Industrie. Lukas Braun, QS-Manager bei der SOLAR MATERIALS GmbH, verdeutlichte in seinem Vortrag beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, dass die Verarbeitung von ausgedienten Solarmodulen eine globale Herausforderung darstellt, die für Europa und Deutschland zugleich eine riesige technologische Chance bietet.

Das junge Unternehmen SOLAR MATERIALS wurde vor fünf Jahren aus der Universität Braunschweig heraus gegründet und hat seinen Sitz mittlerweile in Magdeburg. Mit einer Belegschaft von über 65 Personen betreibt die Firma eine spezialisierte Recyclinglinie, deren Kapazität innerhalb eines Jahres von 7.000 auf 14.000 Tonnen verdoppelt wurde. Aktuell wird eine weitere Verdopplung auf 28.000 Tonnen angestrebt, was einer Verarbeitung von etwa 2.000 Modulen pro Tag entspricht.

Die zur Verwertung anstehenden Module stammen entweder aus dem Erreichen des technischen Lebensendes nach etwa 15 bis 20 Jahren oder sind Opfer von Produktionsfehlern und Wetterschäden. Ein wachsender Faktor ist zudem das sogenannte „Repowering“, bei dem Betreiber noch funktionierende Anlagen vorzeitig abbauen, um sie durch moderne, leistungsstärkere Module zu ersetzen. Diese Praxis spült große Mengen an Material in die Recyclingkreisläufe, noch bevor die ursprüngliche Lebensdauer abgelaufen ist.

Ein Solarmodul ist ein komplexes Schichtsystem, bei dem das Herzstück aus Silizium-Solarzellen besteht. In diese Zellen sind Kupferleiterbahnen und eine aufgedruckte Silberschicht in Form von extrem dünnen „Fingern“ eingebettet. Während moderne Zellen Gitterlinien auf Vorder- und Rückseite aufweisen, verfügen ältere Modelle meist über ein silbernes Gitter auf der Vorderseite und eine vollflächige Aluminiumbeschichtung auf der Rückseite.

Bei älteren Modulen macht das Silber massenmäßig zwar weniger als 0,1 % aus – was etwa 10 Gramm pro 20-Kilogramm-Modul entspricht –, doch ist das Edelmetall einer der Hauptkostentreiber in der Produktion. Trotz technologischer Fortschritte, die den Silbergehalt pro Zelle durch bessere Pasten und Präzisionsdruckverfahren seit 2013 stark reduziert haben, verbraucht die Photovoltaik-Industrie aufgrund des enormen Wachstums heute etwa 10 bis 20 % der weltweiten Silberproduktion.

Ein kompletter Verzicht auf Silber in der Solarindustrie ist kurzfristig kaum realistisch. Zwar forschen Hersteller an kupferbasierten Folien, doch sind diese noch nicht marktreif, da sie eine geringere Effizienz aufweisen und vor allem Bedenken hinsichtlich der Langlebigkeit bestehen. Da ein Modul 25 bis 30 Jahre Wind und Wetter trotzen muss, wird Silber voraussichtlich noch mindestens 5 bis 10 Jahre das unverzichtbare Kontaktmaterial bleiben.

Das Potenzial für das sogenannte Urban Mining in Deutschland ist gewaltig, da das Land ab 2004 eine weltweite Pionierrolle beim Ausbau der Solarenergie einnahm. In den „goldenen Jahren“ zwischen 2009 und 2012 wurden jährlich rund 30 Millionen Module verbaut. Insgesamt befinden sich in Deutschland über 120 Millionen Module im Einsatz, die größtenteils in den kommenden Jahren das Ende ihres Lebenszyklus erreichen und in das Recycling fließen werden.

Allein aus den bis 2012 in Deutschland installierten Modulen lassen sich rechnerisch rund 1.000 Tonnen Silberzurückgewinnen. Global gesehen ist die Menge um ein Vielfaches größer, da der Ausbau der Photovoltaik weltweit massiv an Geschwindigkeit gewonnen hat. Dies unterstreicht die dringende Notwendigkeit für skalierbare und hocheffiziente industrielle Prozesse, um diese wertvollen Ressourcen nicht verloren zu geben.

Gängige Recyclingansätze wie das thermische oder chemische Verfahren stoßen bei der Skalierung oft an Grenzen. Während das Verbrennen der Polymere (thermisch) oder das Auflösen mittels Lösungsmitteln (chemisch) zwar saubere Materialien und Glas für die Industrie liefert, sind die Durchlaufzeiten mit Minuten bis Stunden sehr lang und die Kosten hoch. Die mechanische Methode – das einfache Schreddern – ist zwar schnell und günstig, produziert aber ein minderwertiges Stoffgemisch, aus dem das Silber nur mühsam extrahiert werden kann.

SOLAR MATERIALS hat hierfür einen eigenen thermomechanischen Prozess entwickelt, der die Vorteile der verschiedenen Welten kombiniert. Dieses Verfahren ermöglicht es, Materialien wie Glas sehr sauber zurückzugewinnen, sodass sie direkt wieder in die Schmelze fließen können, und gleichzeitig das Silber effizient abzutrennen. Für Recycler ist die Silberrückgewinnung wirtschaftlich entscheidend, da der Materialwert des Silbers fast genauso hoch ist wie der aller anderen Bestandteile zusammen.

Für Privatpersonen mit haushaltsüblichen Mengen (weniger als 50 Module) funktioniert das Recycling praktisch über die Abgabe am lokalen Recyclinghof. Das Unternehmen SOLAR MATERIALS erhält für die Verwertung ein Entgelt vom Hersteller oder Projektierer und generiert zusätzliche Einnahmen durch den Verkauf der zurückgewonnenen Sekundärrohstoffe. Der Endverbraucher erhält jedoch bisher keinen direkten finanziellen Gegenwert für das enthaltene Silber.

Der Markt für hochwertiges Solar-Recycling steckt in Europa noch in den Kinderschuhen, wobei SOLAR MATERIALS einer von nur etwa fünf Akteuren mit innovativen Ansätzen ist. Angesichts des bevorstehenden Ansturms an Altmodulen reicht die aktuelle Infrastruktur bei weitem noch nicht aus. Das Ziel muss daher die technologische Führerschaft in diesem Sektor sein, um die wertvollen Edelmetalle in Europa im Kreislauf zu halten und die Solarindustrie nachhaltig zu gestalten.

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Marco Brunsendorf, Aurubis AG

Zwischen Nachhaltigkeit und Preisdruck: Die neue Realität im Edelmetall-Recycling

Die Rückgewinnung von Edelmetallen aus Altgeräten entwickelt sich rasant zu einem zentralen Pfeiler der Rohstoffversorgung. Steigende Rücklaufmengen, hohe Preise und neue Materialströme treiben das Recycling voran, während zugleich Kapazitäten, Finanzierung und regulatorische Anforderungen an ihre Grenzen stoßen. 

 

Wenn ein Weltmarktführer drei bis fünf Jahre Vorbereitungszeit benötigt, um überhaupt die Genehmigung für den Bau eines neuen Recyclingwerks zu erhalten, während der eigentliche Bau nur drei Jahre dauert, dann beschreibt das die gewaltigen administrativen Hürden der modernen Rohstoffwirtschaft. Marco Brunsendorf von der Aurubis AG verdeutlichte mit diesem Beispiel aus den USA, dass technologisches Know-how allein nicht ausreicht, um die globalen Versorgungsengpässe zu lösen.

 

In seinem Interview zum Thema „Recycling-Boom: Gut für die Umwelt, schlecht für die Preise?“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 zeichnete Brunsendorf das Bild einer Branche, die sich in einer radikalen Transformation befindet. Er betonte, dass Recycling längst nicht mehr nur ein ökologisches Randthema ist, sondern zur existenziellen „zweiten großen Mine“ für Europa geworden ist, um die strategische Handlungsfähigkeit des Kontinents zu sichern.

 

Die Dringlichkeit dieses Wandels wird durch die massiven Megatrends unserer Zeit befeuert. Ob Elektrifizierung, Künstliche Intelligenz oder erneuerbare Energien – all diese Technologien verlangen nach gewaltigen Mengen an Kupfer, Edelmetallen und sogenannten Minor Metals. Die Nachfrageprognosen sind beeindruckend: Während Aurubis bei Kupfer von einem Wachstum von 22 % ausgeht, wird bei Gold ein Plus von über 25 % und bei Silber von über 10 % erwartet.

 

Brunsendorf schilderte eindringlich, wie anfällig die globalen Lieferketten sind. Aurubis selbst importiert jährlich rund zweieinhalb Millionen Tonnen Kupferkonzentrate aus Südamerika, Afrika und anderen Teilen der Welt. Die Krisen der letzten Jahre haben jedoch gelehrt, dass eine Fokussierung auf lokale Märkte und lokal verfügbare Recyclingmaterialien die einzige Antwort auf disruptive Marktentwicklungen sein kann.

 

Ein zentraler Baustein der Aurubis-Strategie ist das Prinzip des „Closing the Loop“. Dabei setzt das Unternehmen auf enge Kooperationen mit Originalgeräteherstellern (OEMs), insbesondere aus der Automobilindustrie. Ziel ist es, Edelmetalle und Kupfer nicht nur zu verkaufen, sondern Partnerschaften zu bilden, die sicherstellen, dass die Ressourcen nach dem „End of Life“ des Produkts wieder zur Aufarbeitung an Aurubis zurückfließen.

 

Trotz dieser strategischen Weitsicht steht das globale Recycling vor enormen Herausforderungen. Eine der kritischsten ist der Abfluss von Recyclingströmen ins Ausland. Brunsendorf warnte davor, dass wertvolle Materialien massiv aus den USA und Europa abgezogen und nach China verbracht werden. Jedes Land ohne eigene Rohstoffvorkommen versucht derzeit, sich diese Ressourcen durch protektive Maßnahmen zu sichern.

 

Hier sieht der Experte den Gesetzgeber in der Pflicht. Deutschland und Europa müssen laut Brunsendorf eine deutlich aktivere Politik betreiben, um den Abfluss von Schrott zu verhindern und die lokale Verarbeitung zu priorisieren. Es brauche nicht nur schnellere Genehmigungsverfahren für neue Anlagen, sondern auch Investitionen in die Infrastruktur, um Sekundärmaterialien vor Primärströmen zu bevorzugen.

 

Die oft gestellte Frage, ob der Recycling-Boom die Preise für Edelmetalle unter Druck setzen könnte, beantwortete Brunsendorf mit einem klaren Nein. Seiner Einschätzung nach agiert das Recycling eher preisstützend, da die steigenden Bedarfe durch die Primärförderung allein gar nicht mehr gedeckt werden können. Es herrscht schlichtweg ein Mangel an verfügbarem Material, um den Hunger der Industrie nach Rohstoffen zu stillen.

 

Zudem verwies Brunsendorf darauf, dass die Preise für Edelmetalle heute primär von Finanzinstrumenten und makroökonomischen Größen getrieben werden. Der physische Markt sei zwar elementar für die Industrie und den Retail-Bereich, doch die Preisfindung findet auf einer anderen Ebene statt, die von geopolitischen Disruptionen und Zinspolitik geprägt ist.

 

Interessante Einblicke gab es auch in die Welt der selteneren Metalle. Auf die Frage nach rüstungsrelevanten Stoffen wie Gallium oder Germanium erklärte Brunsendorf, dass diese in den verarbeiteten Kupfererzen kaum vorkommen. Dennoch prüft Aurubis ständig, ob die Gewinnung weiterer Beifänge wirtschaftlich sinnvoll ist. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist Iridium, das derzeit noch in Zwischenprodukten gebunden ist und künftig verstärkt ausgebracht werden könnte.

 

Materialverluste bei der Sammlung von Elektroschrott bleiben jedoch ein wunder Punkt in der Kette. Um die Resilienz als Gesellschaft zu erhöhen, muss die Effizienz in der Erfassung von Altgeräten massiv gesteigert werden. Nur so kann das „Powerful Duo“ aus Primär- und Sekundärerzeugung stabil genug werden, um den Bedarf der Zukunftstechnologien nachhaltig zu sättigen.

 

Das Schlusswort von Marco Brunsendorf war ein Appell an die europäische Souveränität: Es dürfe kein „Entweder-oder“ zwischen Primärförderung und Recycling geben, sondern eine Symbiose. Nur durch diesen ganzheitlichen Ansatz könne Europa resilient gegenüber geopolitischen Strömungen bleiben und sicherstellen, dass der Rohstoffhunger von KI und Energiewende nicht zum Bremsklotz für die heimische Wirtschaft wird.

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Beresford Clarke – Managing Director, SFA Oxford

Rohstoffe als Machtfaktor: Warum Platinmetalle zur strategischen Währung werden

Die Märkte für Platingruppenmetalle haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert: Extreme Preisschwankungen, geopolitische Eingriffe und neue Handelszentren prägen zunehmend das Geschehen. Industrielle Nachfrage, strategische Vorratspolitik und strukturelle Angebotsprobleme überlagern klassische Marktmechanismen und machen den Sektor zu einem der volatilsten Rohstoffmärkte weltweit. 

Wer sich im Jahr 2021 mit einer Handsäge bewaffnet unter ein geparktes Auto legte, hatte es meist auf ein ganz bestimmtes Ziel abgesehen: den Katalysator. Was nach einer skurrilen Episode aus der Kriminalstatistik klingt, war die direkte Folge eines Marktes, der völlig aus den Fugen geraten war: Der Preis für das seltene Platinmetall Rhodium war damals auf astronomische 30.000 US-Dollar pro Unze geschossen und machte alte Autoteile plötzlich wertvoller als Gold.

In seinem Vortrag „Platinmetalle – die aktuelle Marktlage und ein Ausblick auf die Zukunft“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 beleuchtete Beresford Clarke, Managing Director von SFA (Oxford) Ltd., die faszinierende, aber auch „verrückte“ Welt der Platingruppenmetalle (PGM). Clarke machte deutlich, dass dieser Sektor weit mehr als ein Nischenmarkt ist – er ist ein hochkomplexes Geflecht aus Geopolitik, technologischer Transformation und industrieller Notwendigkeit.

Der Markt für PGMs unterscheidet sich fundamental von Gold, da Anleger es hier mit einem regelrechten „Cocktail“ aus Metallen zu tun haben. Neben Platin und Palladium spielen Rhodium, Iridium und Ruthenium eine entscheidende Rolle, wobei oft Beiprodukte wie Nickel und Kupfer massiv zur Rentabilität der Minen beitragen. Diese Vielschichtigkeit macht die Preisbildung zu einer Herausforderung für jeden Experten.

Ein entscheidender Treiber für die jüngsten Verwerfungen war laut Clarke die Rückkehr von Donald Trump ins Präsidentenamt und die damit einhergehende Zollpolitik. Die Angst vor Handelsbarrieren führte dazu, dass die Bestände an der New Yorker Warenbörse Comex innerhalb kürzester Zeit von rund 200.000 auf über 630.000 Unzen Platin explodierten. Das Metall lagerte plötzlich an den falschen Orten, was zu einer massiven Liquiditätsklemme führte.

Für industrielle Nutzer, wie etwa deutsche Chemieunternehmen, entwickelte sich die Lage im vergangenen Jahr zu einem „absoluten Albtraum“. Die sogenannten Leihzinsen (Lease Rates) für Platin schossen auf bis zu 36 % in die Höhe. Wer Metall für seine Produktion leihen musste, zahlte horrende Zinsen, was die Kosten für Katalysatoren und chemische Prozesse unkalkulierbar machte.

Gleichzeitig verschob sich das Machtzentrum des Marktes weiter in Richtung Fernost. In China wurde Ende 2025 die neue Guangzhou-Terminbörse (GFEX) für Platin und Palladium eröffnet. Dass dort am ersten Weihnachtstag hunderte Tonnen gehandelt wurden, während der Rest der Welt beim Truthahnessen saß, sorgte für eine Preisexplosion, die Clarke und seine Kollegen fassungslos machte – ein klassischer Fall, in dem der „Schwanz mit dem Hund wedelt“.

In der Debatte um die Mobilität der Zukunft gab Clarke eine Entwarnung für die Edelmetallnachfrage: „Der Verbrennungsmotor ist nicht tot“. Während die Verkäufe reiner Elektroautos in den USA nach dem Wegfall von Steuervergünstigungen sogar um 4 % sanken, erleben Hybride und Fahrzeuge mit optimierten Abgassystemen eine Renaissance. Besonders chinesische Autoexporte füllen heute die Lücken, die europäische Hersteller hinterlassen haben.

Ein interessanter Aspekt ist dabei die globale Regulatorik. Da China seine Autos verstärkt nach Europa und Großbritannien exportiert, müssen diese Fahrzeuge strengere Emissionsstandards erfüllen als im chinesischen Heimatmarkt. Dies führt paradoxerweise dazu, dass pro exportiertem Fahrzeug deutlich mehr Platin, Palladium und Rhodium verbaut werden muss, was die industrielle Nachfrage weiter stützt.

Auf der Angebotsseite steht die Branche jedoch vor gewaltigen Hürden. Die großen Minen in Südafrika befinden sich im „Depletion Mode“ – sie sind bis zu 2.000 Meter tief und der Abbau wird immer schwieriger und teurer. Trotz der aktuell hohen Preise scheuen sich die Konzerne, neue Schächte zu graben, da solche Projekte Milliarden kosten und sich erst weit in den 2030er Jahren amortisieren würden.

Ein völlig neues Kapitel wird derzeit durch die nationale Sicherheitspolitik aufgeschlagen. Platinmetalle haben sich von einer rein kommerziellen Sorge zu einer Priorität der Verteidigungsstrategie gewandelt. Südkorea baut einen 100-Tage-Puffer für kritische Mineralien auf, die EU stellt Milliarden für Vorräte bereit, und die USA investieren im Rahmen von „Project Vault“ rund 12 Milliarden Euro in strategische Reserven.

Für das restliche Jahr 2026 prognostiziert Clarke eine Fortsetzung der extremen Volatilität. Die Preisspannen sind so breit wie selten zuvor: Für Platin sieht er einen Durchschnitt von 1.950 US-Dollar, hält aber Spitzen von bis zu 3.000 US-Dollar für möglich. Vor allem geopolitische Ereignisse wie die Zukunft der NATO oder neue Zölle werden die Fundamentaldaten des Marktes immer wieder überlagern.

Clarkes Fazit glich einer Warnung vor einer „Achterbahnfahrt“. Da die Minenproduktion konservativ bleibt und die Industrie ihre Pufferbestände aus Angst vor Preissprüngen wieder erhöht, bleibt der Markt extrem angespannt. In einer Welt, in der Platinmetalle nicht mehr nur Schmuck oder Industriegut, sondern eine politische Waffe sind, muss die Branche lernen, mit der Unsicherheit als neuer Konstante zu leben.

Biografie: Beresford Clarke ist Managing Director (Technical & Research) bei SFA Oxford. Er hat am Imperial College in London studiert ist nach einem kurzen Ausflug in die Ölindustrie nach seiner Ausbildung nun schon seit über 20 Jahren als Analyst für die Metallmärkte tätig.

Er leitete Forschungsprojekte u. a. zu Platingruppenmetallen (PGMs), Batteriemetallen und weiteren strategischen Rohstoffen entlang der Wertschöpfungsketten.

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Ruth Crowell – CEO, London Bullion Market Association

Transparenz als Stabilitätsanker: Wie die LBMA den Goldmarkt neu ordnet

Der globale Goldmarkt befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Geopolitische Spannungen, massive Kapitalbewegungen und neue Transparenzanforderungen stellen etablierte Strukturen auf den Prüfstand. Gleichzeitig treiben technologische Innovationen und strengere Standards die Entwicklung hin zu einem nachvollziehbaren und resilienteren Handelssystem voran.

Manchmal ist das, was Experten jahrelang als „unsexy“ bezeichnen, in Krisenzeiten der wichtigste Rettungsanker für einen ganzen Markt. Ruth Crowell, die Chefin der London Bullion Market Association (LBMA), erinnerte bei ihrem Vortrag in Frankfurt daran, wie die Veröffentlichung von Tresordaten im Jahr 2017 noch als Nischenthema für Verschwörungstheoretiker abgetan wurde – bis die nervösen Märkte im Jahr 2025 Transparenz und belegbare Fakten forderten wie nie zuvor.

In ihrem Grußwort und Lagebericht zum internationalen Edelmetallhandel beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 beleuchtete Crowell die gewaltigen Umbrüche der letzten Monate. Sie machte deutlich, dass der Londoner Markt nach wie vor das Herzstück des globalen Goldhandels ist, sich aber in einer Phase radikaler technologischer und regulatorischer Erneuerung befindet.

Die nackten Zahlen, die Crowell präsentierte, unterstreichen die enorme Liquidität dieser Assetklasse: Allein im Februar 2026 lag der durchschnittliche tägliche Handelsumsatz bei atemberaubenden 462 Milliarden US-Dollar. London hält dabei mit einem täglichen Volumen von 219 Milliarden US-Dollar etwa die Hälfte des globalen Marktes und übertrifft damit liquiditätstechnisch bei weitem Märkte wie britische Staatsanleihen.

Besonders spannend war Crowells Rückblick auf die „Große Goldwanderung“ des vergangenen Jahres, die durch die Wahl von Donald Trump im November 2024 ausgelöst wurde. Da Marktteilnehmer mit pauschalen Zöllen von mindestens 10 Prozent auf Goldimporte rechneten, floss in einer beispiellosen Fluchtbewegung massiv physisches Metall aus Londoner Tresoren in Richtung New York.

Diese Bewegung war insofern paradox, als New York primär als Papiermarkt fungiert und normalerweise kaum nennenswerte physische Bestände hält. Erst als die US-Administration im Laufe der letzten zwölf Monate klarstellte, dass Gold von den Zöllen befreit bleibt, setzte die Rückbewegung ein, die Logistikriesen wie Brinks oder Loomis bis heute in Atem hält.

Trotz dieser Turbulenzen sitzen in den Londoner Tresoren heute Goldbestände im Wert von rund 1,5 Billionen US-Dollar. Dass diese Bestände im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht gewachsen sind, sieht Crowell als Erfolg ihrer Transparenzoffensive: Daten schaffen Vertrauen, und Vertrauen verhindert Panik, wenn Spekulationen über eine angebliche Goldknappheit in London die Runde machen.

Als wesentliche Preistreiber identifizierte die LBMA-Chefin die Zentralbanken, die weiterhin als „starke Kraft“ am Markt agieren. Besonders sensibel reagierte der Goldpreis dabei auf die politische Einflussnahme auf die Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed, was sowohl im ersten Quartal 2025 als auch im Spätsommer für massive Volatilität sorgte.

Ein interessantes Phänomen im aktuellen Bullenmarkt sind die sogenannten „Makro-Touristen“. Da viele andere Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen schwächeln, sahen sich institutionelle Investoren gezwungen, ihre „Gewinner“ – also Gold – zu verkaufen, um Verluste in anderen Portfoliobereichen auszugleichen, was kurzzeitig paradoxe Preisreaktionen auslöste.

Technologisch steht die Branche vor einem Quantensprung durch die „Gold Bar Integrity Database“. Crowell verkündete stolz, dass mittlerweile alle 100 zertifizierten Gold- und Silberaffinerien weltweit an diese Datenbank angeschlossen sind, was die Basis für eine lückenlose digitale Erfassung jedes einzelnen Barrens bildet.

Die strategische Priorität verschiebt sich nun von der rein jährlichen Berichterstattung hin zu einem monatlichen Dialog über die Herkunft des Materials. Ziel ist eine vollständige Rückverfolgbarkeit (Traceability), bei der Affinerien künftig explizit offenlegen müssen, aus welchen Minen ihr Gold stammt – ein Prozess, der bereits im nächsten Jahr alle Minen weltweit umfassen soll.

Dabei vergisst die LBMA auch die schwächsten Glieder der Kette nicht: den kleingewerblichen Bergbau (ASM). Durch die neue Version 10 der Responsible Sourcing Guidance soll der legale Goldfluss aus diesen oft vulnerablen Gemeinschaften gestärkt werden, um gleichzeitig die Kanäle für illegales Gold auszutrocknen.

Zum Abschluss richtete Crowell einen dringenden Appell an Regierungen und Marktteilnehmer, den Kampf gegen „Goldwäsche“ zu intensivieren. In Zeiten globaler Konflikte, etwa in der Ukraine, Russland oder dem Sudan, habe sanktioniertes oder illegal geschürftes Gold keinen Platz in einem professionellen Markt, weshalb einheitliche Standards und eine konsequente Durchsetzung überlebenswichtig seien.

Biografie: Ruth Crowell ist Chief Executive der London Bullion Market Association (LBMA) und wurde im Januar 2014 berufen. In ihrer Rolle verantwortet sie die strategische Entwicklung des Branchenverbands und vertritt dessen Interessen gegenüber Mitgliedern, Good-Delivery-Scheideanstalten, Regulierungsbehörden, Investoren und Medien. Zuvor war sie unter anderem Deputy Chief Executive der LBMA und bereits seit 2006 in verschiedenen Funktionen für die Organisation tätig.

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Prof. Dr. Carsten Drebenstedt, TU Freiberg

Space Mining im Realitätscheck: Zwischen Technologie, Kosten und Perspektive

Der Abbau von Rohstoffen im Weltraum gilt als eine der großen Zukunftsvisionen der Industrie – doch seine wirtschaftliche Realität liegt noch in der Ferne. Während Transportkosten und technologische Hürden einen Einsatz für die Versorgung der Erde derzeit ausschließen, gewinnt die Nutzung lokaler Ressourcen im All für Infrastruktur und Raumfahrt zunehmend an Bedeutung. Damit verschiebt sich der Fokus von der Rohstoffgewinnung hin zur logistischen Grundlage künftiger Weltraummissionen.

Ob der Abbau von Rohstoffen im Weltraum ein Thema für die nächsten Jahre oder eher für kommende Jahrzehnte ist, lässt sich nicht mit einer einfachen Jahreszahl beantworten. Prof. Dr. Carsten Drebenstedt von der TU Bergakademie Freiberg verdeutlichte in seinem Vortrag beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, dass wir uns hierbei auf einer technologischen und ökonomischen Zeitreise befinden, die tief in die Entstehungsgeschichte des Universums zurückreicht.

Die Basis für das heutige Verständnis von Space Mining liegt in der Nukleosynthese, die vor rund 14,3 Milliarden Jahren mit dem Urknall begann. Zunächst entstanden einfache Elemente wie Wasserstoff, Helium und etwas Lithium. Erst durch die Lebenszyklen gewaltiger Sterngenerationen und deren Explosionen als Supernovae wurden schwerere Metalle wie Titan, Gold oder Platin erbrütet und im Universum verteilt.

Unser eigenes Sonnensystem, das vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstand, profitierte von diesem kosmischen Kreislauf. In der rotierenden Staubscheibe um die junge Sonne konzentrierten sich in den inneren Bereichen feste, silikat- und eisenreiche Teilchen, woraus die Gesteinsplaneten Merkur, Venus, Erde und Mars hervorgingen. Weiter außen, hinter der sogenannten Schneegrenze, sammelten sich hingegen Gase und Eis zu den riesigen Gas- und Eisplaneten.

Besonders interessant für zukünftige Bergbauaktivitäten ist der Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Er wird als „unvollendeter Planet“ betrachtet, dessen Materie durch die enormen Gravitationskräfte Jupiters nicht zu einem Himmelskörper verschmelzen konnte. In diesen Bruchstücken finden sich daher Gold, Platin und andere Metalle in teilweise deutlich höheren Konzentrationen als in der Erdkruste.

Trotz dieses Reichtums stellt sich für Drebenstedt als Geoingenieur die fundamentale Frage nach der Notwendigkeit. Er vertritt die Ansicht, dass wir Rohstoffe aus dem All derzeit nicht für die Versorgung der Erde benötigen, da unser eigener Planet bisher nur rudimentär erkundet ist. Sowohl in der Tiefe der Kontinente als auch in der Tiefsee verbergen sich noch enorme Ressourcen, die mit modernen Explorationsmethoden zugänglich gemacht werden können.

Ein entscheidendes Hindernis für das Space Mining sind die immensen Kosten. Aktuell belaufen sich die Transportkosten von der Erde in den Weltraum auf etwa 20.000 US-Dollar pro Kilogramm. Angesichts der Tatsache, dass viele metallreiche Asteroiden etwa drei astronomische Einheiten (die dreifache Entfernung Erde-Sonne) entfernt liegen, erscheint ein Abbau für den Rücktransport zur Erde momentan weder wirtschaftlich sinnvoll noch notwendig.

Die Perspektive ändert sich jedoch drastisch, wenn man die Pläne der NASA für eine dauerhafte Präsenz auf dem Mond betrachtet. Hier rückt das Konzept der In-Situ Resource Utilization (ISRU) in den Fokus – die Nutzung von Rohstoffen direkt vor Ort. Anstatt Baumaterialien teuer von der Erde einzufliegen, sollen die Mondressourcen für den Bau und Betrieb von Stationen verwendet werden.

Technologisch ist man heute bereits in der Lage, aus dem Mondstaub (Regolith) Eisen und Sauerstoff zu gewinnen. Auch Wasser ist auf dem Mond vorhanden, aus dem durch Elektrolyse Wasserstoff und Sauerstoff extrahiert werden können. Der feine, elektrostatisch aufgeladene Mondstaub stellt zwar eine Herausforderung dar, kann aber durch Sinterprozesse gebunden und nutzbar gemacht werden.

Ein faszinierendes Anwendungsfeld ist der 3D-Druck im Weltraum. Drebenstedt verwies auf Projekte, bei denen komplexe Bauteile und Architekturen direkt vor Ort aus lokalen Metallen gedruckt werden. Dies ermöglicht es, Infrastrukturen auf dem Mond oder später auf dem Mars autark zu errichten, ohne auf massive Lieferungen von der Erde angewiesen zu sein.

Ein echtes wirtschaftliches Szenario für die nahe Zukunft ist die Treibstoffgewinnung im All. Da man vom Mond aus etwa 30-mal weniger Energie benötigt, um in einen Erdorbit zu gelangen als von der Erde aus, wird die Produktion von Raketentreibstoff aus Mondwasser als eine der Schlüsselkomponenten für die künftige Weltraumforschung angesehen. Dies könnte den Mond zu einer strategischen Tankstelle im Sonnensystem machen.

Rechtlich und ethisch bewegt sich das Space Mining im Rahmen der Weltraumkonvention, die den Weltraum als ein Gut der gesamten Menschheit definiert. Sie sieht keine Bereicherung einzelner Staaten oder Firmen vor, sondern betont die Nutzung zu Forschungszwecken. In der Tradition von Kennedys Apollo-Programm geht es darum, die besten intellektuellen und technologischen Ressourcen zu bündeln, um diesen neuen Lebensraum zu erschließen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während der Abbau von Edelmetallen im All für den Bedarf auf der Erde wohl noch Jahrzehnte entfernt ist, wird die Nutzung lokaler Ressourcen für die Weltraum-Infrastruktur bereits in den nächsten Jahren Realität werden. Space Mining beginnt also nicht als Importgeschäft, sondern als logistische Basis für den Weg der Menschheit zu den Sternen.

Biografie: Prof. Dr. Carsten Drebenstedt war bis September 2026 Professor für Bergbau-Tagebau an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Der Bergbauingenieur war zuvor viele Jahre in der ostdeutschen Braunkohleindustrie tätig, unter anderem als Produktions- und Stabsleiter in Tagebauen sowie als Leiter eines Ingenieurbüros. Seit seiner Berufung nach Freiberg im Jahr 1999 prägte er Forschung und Lehre zu Themen wie Bergbauplanung, Rekultivierung sowie dem Verhältnis von Bergbau, Umwelt und Gesellschaft und war unter anderem als Prorektor für Forschung und Dekan tätig. Er ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und international in der bergbaulichen Forschung vernetzt.

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Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer, Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte e.V.

Goldpreis, Onlinehandel, China: Die Herausforderungen der Schmuckindustrie

Die Schmuckbranche zeigt sich trotz hoher Goldpreise und globaler Unsicherheiten erstaunlich stabil. Doch hinter dem anhaltenden Luxusboom stehen strukturelle Herausforderungen: unfairer Wettbewerb durch Importe, steigende Kosten und eine zunehmende Marktkonzentration setzen insbesondere inhabergeführte Betriebe unter Druck. Gleichzeitig bleibt Schmuck ein Geschäft, das weniger von Funktion als von Emotion und Vertrauen geprägt ist.

Wenn ein Verbandschef seinen Vortrag mit dem Geständnis einleitet, eine Branche zu vertreten, die Produkte verkauft, „die kein Mensch braucht“, ist ihm die Aufmerksamkeit des Publikums sicher. Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ), nutzte dieses Paradoxon, um den Kern seines Geschäfts zu verdeutlichen: In der Schmuckwelt werden keine Gebrauchsgegenstände gehandelt, sondern Emotionen wie Dankbarkeit, Liebe und Glückwünsche.

In seinem Bericht über die „Lage der Schmuckindustrie angesichts hoher Preise und verrückter Volatilität“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 zeichnete Dünkelmann ein Bild zwischen opulentem Luxusboom und existenziellen Herausforderungen durch unfairen Wettbewerb. Trotz der globalen Krisenherde und eines explodierenden Goldpreises zeigt sich der Markt erstaunlich resilient, da die Konsumenten die Preissteigerungen bisher weitgehend akzeptieren.

Bevor Dünkelmann jedoch die glänzenden Seiten der Branche beleuchtete, stieg er in die „Schmuddelecke“ des Marktes ab: den massiven Import steuerfreier Kleinsendungen aus dem außereuropäischen Ausland. Jährlich landen allein in Deutschland knapp 500 Millionen Pakete, meist per Luftfracht aus China, die unter der 150-Euro-Grenze deklariert sind und damit keine Umsatzsteuer zahlen. Dies sei nicht nur ein ökologischer Wahnsinn, sondern eine massive Wettbewerbsverzerrung für den heimischen Handel.

Das Problem sei laut Dünkelmann kein Regelungs-, sondern ein Vollzugsdefizit. Am Frankfurter Flughafen versuchen lediglich vier Zollbeamte, täglich bis zu 600.000 Pakete zu kontrollieren, in Köln sind es für den gesamten Nachtflugverkehr sogar nur zwei Beamte. Bei den wenigen Kontrollen werden bei 60 Prozent der Produkte Beanstandungen festgestellt – von mangelnder Sicherheit über Giftstoffe bis hin zu massiven Markenrechtsverstößen, die auch die Schmuckbranche direkt treffen.

Die chinesische Konkurrenz begnügt sich jedoch nicht mehr mit dem Paketversand, sondern ist längst physisch in Europa präsent. Mit dem Start des Online-Marktplatzes Joy Buy und der Übernahme von Media Markt Saturn durch den chinesischen Giganten jd.com wurde die Schlagkraft asiatischer Investoren deutlich. Dünkelmann berichtete, dass es kaum einen Monat gebe, in dem nicht chinesische Finanzinvestoren beim Verband anfragten, welcher deutsche Juwelier gerade zum Verkauf stünde.

Trotz der digitalen Offensive bleibt Schmuck ein überwiegend stationäres Geschäft, da der Online-Anteil stabil bei nur etwa 12 Prozent verharrt. Nach einem vorübergehenden Anstieg während der Corona-Pandemie auf 25 Prozent kehrten die Kunden schnell in die Läden zurück, da das emotionale Erlebnis des Einkaufs am Bildschirm schlicht nicht funktioniert. Ein Espresso oder ein Glas Champagner und die persönliche Fachberatung lassen sich digital nicht ersetzen.

Strukturell ist die Branche in Deutschland einzigartig durch inhabergeführte Unternehmen geprägt, die 54 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Klassische Konzerne oder große Filialisten spielen eine untergeordnete Rolle; selbst bekannte Namen wie Wempe oder Bucherer sind in ihrem Kern inhabergeführte Betriebe. Allerdings kämpft die Branche mit einer massiven Nachfolgeproblematik, die dazu führt, dass jährlich rund 100 Juweliere ihre Geschäfte schließen, obwohl sie wirtschaftlich oft gesund wären.

Die Umsatzentwicklung zeigt derweil nach oben, was Dünkelmann auch auf die gestiegenen Durchschnittspreise zurückführt. Interessanterweise übertrafen die jüngsten Fachmessen in München und Vicenza alle Erwartungen. Der Trend geht derzeit zu „immer dicker, größer und opulenter“. Während die Stückzahlen sinken, tendieren die Käufer gerade in der Krise zu deutlich hochwertigeren Produkten und höheren Legierungen wie 750er Gold.

Dabei beobachtet der Verband einen besorgniserregenden Verlust der Mitte. Während der gehobene Echtschmuck und der sehr preiswerte Modeschmuck funktionieren, bricht das mittlere Segment weg. Die kaufkräftige Klientel, die für 30.000 Euro ein Armband erwirbt, agiert weitgehend konjunkturunabhängig. Doch dieser „Wundertüten-Effekt“ birgt Risiken, da die Planbarkeit des Geschäfts – etwa durch das früher verlässliche Weihnachtsgeschäft – seit Corona fast völlig verloren gegangen ist.

Die Goldpreisentwicklung wirkt wie ein zweischneidiges Schwert: Einerseits steigert sie das Wertempfinden der Kunden für das Material, andererseits belastet sie die Liquidität der Händler massiv. Juweliere haben eine geringe Lagerumschlagsgeschwindigkeit von etwa 0,8 bis 1,2 pro Jahr, was bedeutet, dass ein Schmuckstück oft ein Jahr liegt, bevor es verkauft wird. Wenn die Ware bei steigenden Kursen unterjährig nicht nachkalkuliert wird, fehlt beim Nachkauf schlicht das Kapital.

Zusätzlicher Druck entsteht durch den Fiskus und steigende Sicherheitskosten. Finanzämter tendieren dazu, Warenbestände nicht mehr zum Einkaufspreis, sondern am aktuellen Edelmetallkurs orientiert zu bewerten, was viele Betriebe finanziell überfordern könnte. Gleichzeitig erhöht die mediale Präsenz des hohen Goldpreises die kriminelle Energie, was zu mehr Trickdiebstählen und Einbrüchen führt und die Versicherungsprämien in die Höhe treibt.

Abschließend verwies Dünkelmann auf die empfindlichen Auswirkungen der Geopolitik. Die Anti-Korruptionsgesetze in China und das Ausbleiben von kaufkräftigen Touristen aus den Emiraten oder Australien, etwa durch gesperrte Lufträume, schmerzen die Juweliere in den deutschen Innenstädten direkt. In einer Welt ohne feste Zyklen bleibt die Schmuckbranche zwar ein Hort der Emotionen, muss sich aber täglich gegen globale Marktverzerrungen und logistische Unsicherheiten behaupten.

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Hans-Werner Grunow, Geschäftsführer, Capmarcon GmbH

„Grünes Gold“ ohne Aufpreis? Das Paradoxon der Nachhaltigkeit im Edelmetallmarkt

Nachhaltigkeit gilt als zentrale Leitlinie der modernen Wirtschaft – doch im Edelmetallsektor zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Zahlungsbereitschaft. Trotz regulatorischer Rückschläge bleibt ESG ein entscheidender Faktor für Risikomanagement, Finanzierung und Reputation. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, komplexe Anforderungen in praktikable Strukturen zu übersetzen und entlang der gesamten Lieferkette nachweisbar umzusetzen.

 

Jeder möchte heute nachhaltig handeln, doch wenn es an die Kasse geht, hört die Begeisterung oft schlagartig auf. Diese ernüchternde Bilanz zog Hans-Werner Grunow, Geschäftsführer der Capmarcon GmbH, zu Beginn seiner Analyse über das Spannungsfeld zwischen ökologischem Anspruch und ökonomischer Realität. In der Industrie herrscht laut Grunow ein klares Paradoxon: Während Kunden und Investoren lautstark nach „grünen“ Produkten rufen, ist kaum ein Marktakteur bereit, für ESG-konformes Gold oder nachhaltigen Stahl tatsächlich einen Aufpreis zu zahlen.

 

In seinem Vortrag „Industrie: Wie wichtig ist das Thema ESG für Industriekunden und Investoren aktuell wirklich, worauf müssen Produktanbieter achten?“, gehalten beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, beleuchtete der Experte die wechselvolle Geschichte und den aktuellen Status quo der Nachhaltigkeitsregulierung. Seine zentrale Botschaft: Trotz eines vorübergehenden politischen Rückschlags Ende 2024 bleibt ESG ein unverzichtbares Instrument des Risikomanagements, das weit über bloßes Marketing hinausgeht.

 

Dabei war Nachhaltigkeit lange Zeit ein reines Randthema für staatliche Institutionen, bevor Ende der Nullerjahre die ersten großen Unternehmen begannen, freiwillige Marketingberichte zu ihrem Umweltverhalten zu erstellen. Grunow beschrieb, wie sich daraus eine regelrechte Berichterstattungs-Industrie entwickelte, getrieben von einer mächtigen Lobbygruppe aus Energieberatern und Wirtschaftsprüfern, die in Brüssel erfolgreich auf strengere Standards drängten. Dies mündete schließlich in die weitreichende CSRD-Richtlinie, die jedoch weit über ein gesundes Maß an bürokratischem Aufwand hinausging.

 

Die regulatorische Euphorie fand jedoch Ende 2024 ein jähes Ende, als die Umsetzung der CSRD-Richtlinie im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages spektakulär scheiterte. Dieser „große Knall“ zwang die EU-Kommission Anfang 2025 zum Rückrudern und zur Ankündigung diverser Erleichterungspakete. Dennoch wäre es laut Grunow ein fataler Fehler zu glauben, das Thema habe sich damit erledigt: Aktuell existieren allein im Rohstoffsektor 28 relevante Regelungen und Gesetze, die ESG-Aspekte betreffen und bei Missachtung scharfe Sanktionen nach sich ziehen.

 

Ein wesentlicher Treiber für die verbleibende Relevanz sind die Finanziers, da Banken und Finanzdienstleister durch die europäische SFDR-Verordnung gezwungen sind, detaillierte Nachhaltigkeitsdaten ihrer Kreditnehmer und Beteiligungen offenzulegen. Diese Datenhoheit der Banken führt dazu, dass Unternehmen im Edelmetallsektor heute proaktiv beweisen müssen, dass sie ihre Lieferketten auf ökologische und soziale Risiken geprüft haben. Grunow betonte, dass Banken dabei weniger die absolute Größe eines Risikos prüfen, sondern vielmehr, ob ein funktionsfähiges Risikomanagement überhaupt existiert.

 

Die Bedeutung von ESG für die Reputation illustrierte Grunow am Beispiel einer marokkanischen Kupfermine, die aufgrund mangelhaften Arbeitsschutzes in die Schlagzeilen geriet und damit auch den Abnehmer BMW in Erklärungsnot brachte. Solche Vorfälle zeigen, dass es beim Thema Nachhaltigkeit primär um die Vermeidung von Reputationsrisiken geht. Geschäftspartner wollen heute schwarz auf weiß lesen können, dass entlang der gesamten Kette – von der Förderung in der Mine bis zum Transport – keine ethischen oder ökologischen Tabus gebrochen werden.

 

Besonders im Fokus steht dabei das „Lieblingskind der Deutschen“: Energie und Emissionen. Grunow präsentierte drastische Zahlen zum CO2-Fußabdruck von Gold. Während die Gewinnung von einem Kilogramm Gold aus klassischem Minenbetrieb (Earth Mining) rund 15.000 Kilogramm CO2 emittiert, reduziert sich dieser Wert beim Recycling (Urban Mining) auf lediglich 500 Kilogramm. Trotz dieser enormen ökologischen Überlegenheit scheitert der Absatz von „Green Gold“ im industriellen Bereich oft am Preis, da Industriekunden im Gegensatz zu manchen Privatkunden kaum bereit sind, für den Klimaschutz tiefer in die Tasche zu greifen.

 

Neben der ökologischen Säule gewinnen soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen und Menschenrechte an Bedeutung, insbesondere bei der Zusammenarbeit mit kleinen, inhabergeführten Minen (Artisanal Small-scale Mining). Weltweit arbeiten etwa 15 bis 20 Millionen Menschen in solchen Kleinminen, die oft weit unter den Sicherheitsstandards großer Konzerne operieren. Für deutsche Edelmetallunternehmen ist es daher essenziell, die Herkunft ihres Materials lückenlos nachweisen zu können, um Vorwürfe wie Kinderarbeit oder Landraub an indigenen Völkern im Keim zu ersticken.

 

Ein oft unterschätzter, aber für Ratings entscheidender Bereich ist die sogenannte Governance. Während Journalisten sich lieber auf plakative Umweltthemen stürzen, macht die Unternehmensführung bei professionellen Nachhaltigkeitsbewertungen oft 40 bis 50 Prozent der Gesamtleistung aus. Hier geht es um die harte Substanz: Hat das Unternehmen aktive Kontrollmechanismen für die Lieferkette? Sind die Produkte bis zum Ursprung nachverfolgbar? Wie transparent geht die Geschäftsführung mit Unfällen oder Unregelmäßigkeiten um?

 

Für Produktanbieter im Edelmetallmarkt bedeutet dies, dass sie sich im Dschungel der Zertifikate – von Fairtrade bis Fairmined – genau dasjenige heraussuchen müssen, das den spezifischen Bedürfnissen ihrer Kunden am nächsten kommt. Ein Schmuckkunde interessiert sich meist nur für einen sauberen Herkunftsnachweis ohne Kinderarbeit, während Technologiekunden eher auf formale Zertifizierungen ihrer Zulieferer achten. Investoren wiederum benötigen standardisierte Daten, um ihre eigenen Berichtspflichten gegenüber den Aufsichtsbehörden erfüllen zu können.

 

Um ESG im eigenen Haus operativ umsetzbar zu machen, empfahl Grunow eine klare Bestandsaufnahme: Was ist bereits an Informationen vorhanden und was muss noch strukturiert erfasst werden? Die größte Hürde sei dabei oft die interne Zuständigkeit, da sich selten ein Mitarbeiter freiwillig für diese komplexe Aufgabe meldet. Die Geschäftsführung ist hier gefordert, den Prozess zu formalisieren und zu einem integralen Bestandteil des Risikomanagements zu machen, um den künftigen Aufwand durch Standardisierung zu minimieren.

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Dr. Christoph Hein, Journalist, Leitung FAZ PRO Weltwirtschaft, ehemaliger FAZ-Korrespondent SEA/China/Australien

Chinas Rohstoffstrategie: Langfristige Machtpolitik mit globaler Wirkung

Rohstoffe entwickeln sich zunehmend zu einem zentralen Instrument geopolitischer Machtpolitik. Während große Akteure wie die USA und China strategisch und finanziell um den Zugang zu kritischen Ressourcen konkurrieren, gerät Europa – und insbesondere Deutschland – unter wachsenden Handlungsdruck. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass wirtschaftliche Sicherheit und Rohstoffversorgung untrennbar miteinander verbunden sind.

Während westliche Politiker oft in kurzen Wahlzyklen von wenigen Jahren denken, operiert Peking in gänzlich anderen Zeithorizonten. Dr. Christoph Hein verdeutlichte in seinem Vortrag beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, dass diese strategische Weitsicht China einen massiven Vorteil im globalen Ringen um Ressourcen verschafft. Er wies darauf hin, dass diese Art der strategischen Ausrichtung bereits vor 20 Jahren von führenden Chinesen so formuliert und seitdem konsequent durchgezogen wurde.

Ein beeindruckendes Zeugnis dieser Expansionspolitik ist die Tatsache, dass China mittlerweile rund sieben Prozent der gesamten afrikanischen Landmasse kontrolliert. Dabei handelt es sich keineswegs um wertlose Flächen oder bloße Wüste, sondern um gezielt ausgewählte Gebiete mit hoher strategischer Relevanz. Für ein Land wie Deutschland ist eine solche Dimension der Landnahme kaum vorstellbar.

Dieser Besitz umfasst strategisch platzierte Häfen, massive Rohstoffprojekte und sogar komplette chinesische Dörfer. China bringt für diese Vorhaben oft seine eigenen Arbeiter mit, um die notwendige Infrastruktur für den Zugriff auf künftige Ressourcen autark zu errichten. Diese Dörfer entstehen meist direkt neben den großen Projekten und sichern die operative Kontrolle vor Ort.

Die chinesische Voraussicht zeigt sich auch in Südamerika, wo Peking bereits seit 20 bis 25 Jahren im großen Stil Land aufkauft. Ziel ist hierbei vor allem die langfristige Sicherung der Nahrungsmittelversorgung für die eigene Bevölkerung. Ein Schwerpunkt dieser Investitionen liegt dabei auf der großflächigen Rinderzucht.

Über den klassischen Rohstoffsektor hinaus geht es China um das globale Ringen um Eiweiß, Proteine und Fischbestände. Diese Themen werden von Peking konsequent als Teil einer umfassenden Ressourcenstrategie begriffen und seit Jahrzehnten mit großer Ausdauer verfolgt. Hein betonte, dass der Begriff der Rohstoffe in Peking deutlich weiter gefasst wird als im Westen.

Auf der diplomatischen Weltbühne agiert China laut Hein extrem geschickt und positioniert sich strategisch als der neue „Good Guy“. Während die USA unter Donald Trump internationale Organisationen schwächen und „ins Elend laufen lassen“, präsentiert sich China rhetorisch als verlässlicher Gegenpol. Peking hält sich dabei oft zurück und lässt andere Akteure die Fehler machen.

Peking nutzt das durch den amerikanischen Rückzug entstehende Vakuum gezielt aus und macht globale Versprechen von Solidarität, Verlässlichkeit und einer sicheren Weltordnung. Hein merkte an, dass dies genau jene Versprechen sind, die man früher eigentlich den US-Amerikanern zugeordnet hätte. Ob das tatsächliche Handeln diesen Narrativen entspricht, spielt eine untergeordnete Rolle, solange die Botschaften international verfangen.

Ein markantes Beispiel für diesen Prozess ist die Welthandelsorganisation (WTO), die von den USA nach und nach „platzen gelassen“ wird. China hingegen betont demonstrativ sein Engagement, erklärt sich zum Partner der Organisation und füllt die entstehenden Lücken im globalen Machtgefüge konsequent aus. Peking hat diesen Raum auf der Weltbühne bisher hervorragend besetzt.

Das Fundament dieser Erfolge ist eine knallhart definierte Rohstoffstrategie, die fest in den chinesischen Fünfjahresplänen verankert ist. Hein verwies explizit darauf, dass diese Pläne mit einer Beständigkeit und Disziplin umgesetzt werden, die man in westlichen Demokratien heute kaum noch findet. Jede Entscheidung in Peking wird unter dem Aspekt der langfristigen Nachhaltigkeit für die eigene Strategie geprüft.

Das Dilemma anderer rohstoffreicher Nationen illustrierte Hein am Beispiel Australiens, das zutiefst hin- und hergerissen ist. Einerseits ist China als größter Exportmarkt und bedeutender Lieferant von Studentinnen und Studenten für die australische Wirtschaft schlichtweg unverzichtbar. China stellt für Australien einen der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren überhaupt dar.

Andererseits wächst in Australien die Sorge vor chinesischer Spionage, während die USA als traditioneller Sicherheitspartner zunehmend als unzuverlässig wahrgenommen werden. Diese Zwickmühle zwischen ökonomischer Abhängigkeit und Sicherheitsinteressen prägt die gesamte Region und führt zu einer dauerhaften politischen Zerreißprobe. Das „Sicherheitsticket“ der USA verliert in den Augen der Australier massiv an Wert.

Heins Fazit für Europa fiel kritisch aus: Zwar seien Probleme in der Rüstungsindustrie und im Rohstoffbereich erkannt worden, doch die Umsetzungsgeschwindigkeit bleibe ein „absolutes Elend“. Er verwies darauf, dass Ursula von der Leyen zeitgleich in Australien das jüngste Freihandelsabkommen verhandelt, doch die bisherige Trägheit Europa immer wieder auf seine Schwächen zurückwerfe. Europa müsse dringend lernen, bei Handelsfragen mit einer Sprache zu sprechen, um im harten Wettbewerb bestehen zu können.

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Erik Kirschbaum – Journalist, Los Angeles Times

Unsicherheit als System: Wie US-Politik die Edelmetallmärkte beeinflusst

Die US-Politik unter Donald Trump prägt die globalen Rohstoffmärkte stärker als viele klassische Einflussfaktoren. Geopolitische Entscheidungen, protektionistische Maßnahmen und strategische Eingriffe sorgen für Unsicherheit – und damit für neue Dynamiken bei Gold und anderen Edelmetallen. Die Analyse zeigt, wie eng politische Macht und Rohstoffmärkte inzwischen miteinander verflochten sind.

In der schillernden Welt der Finanzmärkte gibt es kaum eine Konstante, die so paradox ist wie das Verhältnis von Donald Trump zum Gold. Der US-Präsident verliert laut dem Korrespondenten Erik Kirschbaum in seinen Reden so gut wie nie ein Wort über den Goldpreis; er spricht lieber über die Federal Reserve oder einen schwächeren Dollar. Doch genau dieses Schweigen in Kombination mit seiner unberechenbaren Politik macht ihn ironischerweise zu einem der mächtigsten Preistreiber für das Edelmetall, da die von ihm ausgelöste globale Unsicherheit die Anleger massiv in den sicheren Hafen flüchten lässt.

In seiner Analyse „Der Blick auf die USA“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 verdeutlichte der erfahrene Journalist der Los Angeles Times und der WELT, dass für Trump fast alles eine „politische Waffe“ ist. Diese Sichtweise erstreckt sich konsequenterweise auch auf Edelmetalle und strategische Rohstoffe. Trump habe spätestens dann verstanden, wie diese geopolitische Mechanik funktioniert, als China ihn vor einigen Jahren mit einem Exportstopp für Seltene Erden unter Druck setzte und er gezwungen war, bei seinen Zollandrohungen klein beizugeben.

Kirschbaum skizzierte ein Washington, in dem Rohstoffpolitik nicht mehr nur ökonomisch, sondern zunehmend nach dem Prinzip der nationalen Sicherheit und dem „Gier-politischen“ Kalkül betrieben wird. Dabei nimmt Trump in Kauf, dass seine scharfe Zollpolitik – wie etwa der sogenannte „Liberation Day Tariff“ – die Inflation im eigenen Land anheizt und Rohstoffe verknappt. Dass er diese Waffen teils unfreiwillig gegen die eigene Wirtschaft richtet, scheint für ihn zweitrangig gegenüber dem Ziel zu sein, „Make America Great Again“ durch Protektionismus und den Erhalt heimischer Arbeitsplätze zu erzwingen.

Besonders eindringlich schilderte Kirschbaum den überraschend frühen Fokus der US-Regierung auf Venezuela. Während viele Beobachter davon ausgingen, Trump wolle Auslandskriege vermeiden, trieben ihn sein Außenminister Marco Rubio und ein tiefer Hass auf den internationalen Drogenhandel zu einem spektakulären Handstreich. Der Zugriff auf das Regime von Nicolás Maduro sei dabei so erfolgreich verlaufen, weil jemand aus dessen unmittelbarem Umkreis ihn verraten habe, was die USA nun als Blaupause für künftige Operationen, etwa im Iran, betrachten könnten.

Kritik übte der Korrespondent an der deutschen Medienberichterstattung, die er als zu einseitig und oft „Trump-lästernd“ empfindet. Deutsche Journalisten übersähen oft die tieferliegenden Gründe für Trumps Handeln, wie die 100.000 Drogentoten pro Jahr in den USA oder die sechs Millionen venezolanischen Flüchtlinge, von denen viele Schutz in den Vereinigten Staaten suchen. In den USA werde das Vorgehen in Venezuela daher weit weniger als völkerrechtswidriger Bruch, sondern als notwendiger Schritt zur Stabilisierung der Region wahrgenommen.

Ein fundamentaler Unterschied zwischen Europa und den USA zeigt sich laut Kirschbaum im Verständnis des Völkerrechts. Während man in Deutschland den Aufschrei über Rechtsbrüche groß schreibe, könnten die meisten Amerikaner mit dem Begriff des „International Law“ wenig anfangen, da es in ihren Augen weder einen Welt-Polizisten noch ein durchsetzungsfähiges Welt-Gericht gebe. In einer Welt ohne Schiedsrichter zählt für die US-Administration primär die wirtschaftliche und militärische Stärke.

Diesen Rückzug der USA aus internationalen Organisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO) nutzt China laut Kirschbaum extrem geschickt aus. Peking präsentiere sich auf der Weltbühne als der neue „Good Guy“, der für Solidarität und eine verlässliche Weltordnung stehe, während man im Hintergrund eine knallharte Rohstoffstrategie verfolge. Dass die chinesische Realität oft nicht mit diesen Versprechen übereinstimmt, spiele eine untergeordnete Rolle, solange sie die durch Trump hinterlassenen Lücken im globalen Machtgefüge erfolgreich füllen.

Kirschbaum attestierte Trump jedoch auch eine gewisse Weitsicht im Bereich der Rohstoffsicherung, die Europa bisher fehle. So habe die US-Regierung bereits begonnen, das „Horten“ von Rohstoffprojekten durch Chinesen und Russen, insbesondere in Afrika, aktiv zu stoppen. Trump habe die Zeichen der Zeit erkannt und agiere entsprechend entschlossen – wenn auch für europäische Geschmäcker oft zu extrem –, um die US-Versorgungssicherheit für die Zukunft zu zementieren.

Interessante Einblicke gab Kirschbaum auch in das Machtgefüge innerhalb der Republikanischen Partei. Den Vizepräsidenten JD Vance sieht er derzeit keineswegs auf einem Niveau mit Trump. Vance habe zwar eine loyale Unterstützergruppe, besitze aber nicht die phänomenale Ausstrahlung und breite Basis, die Trump ausmache. Dass Vance Trump kurzfristig als prägende Figur ersetzen könnte, hielt der Journalist für wenig wahrscheinlich, auch wenn Vance sich in den letzten Wochen taktisch bedeckt gehalten habe.

In Bezug auf die wirtschaftliche Schlagkraft sieht Kirschbaum die USA trotz aller politischen Turbulenzen weiterhin in einer Favoritenrolle gegenüber Europa. Die US-Wirtschaft profitiere von ihrer technologischen Führerschaft und einer robusteren demografischen Struktur. Da die Amerikaner ihre Altersvorsorge stärker auf Kapitalmarktinvestitionen statt auf ein umlagefinanziertes Rentensystem stützen, könnten sie demografische Probleme weitaus agiler managen als der kriselnde „Mühlstein“ Europa.

Für Goldanleger bleibt die Situation in den USA damit ein zweischneidiges Schwert: Einerseits stärkt die Unsicherheit den Goldpreis, andererseits beweist sich der US-Dollar in Krisenmomenten oft als der noch stärkere „Safe Haven“, was die Attraktivität von Gold kurzfristig dämpfen kann. Dennoch ist der Trend zur „De-Dollarisierung“ und die Flucht in reale Werte unübersehbar, solange die globale Verschuldung in ungedeckten Fiat-Währungen weiter galoppiert.

Erik Kirschbaums Fazit in Frankfurt war deutlich: Man sollte Trump zwar ernst nehmen, aber nicht jedes polternde Wort auf die Goldwaage legen. Entscheidend sei es, die Handlungen an ihren tatsächlichen Folgen zu messen, statt sich in moralischen Diskussionen zu verlieren. In einer Welt, in der Rohstoffe zu Waffen geworden sind, müssen die Akteure lernen, die neue Realität der „Stagflation 2026“ und die knallharten geopolitischen Machtverschiebungen in ihre Strategien einzupreisen.

Biografie: Erik Kirschbaum ist ein US-amerikanischer Journalist und Auslandskorrespondent und Freund eines offenen Austauschs. Seit 2015 arbeitet er als freier Journalist – unter anderem für die Los Angeles Times. Zuvor war er langjährig für Reuters tätig, u. a. in Frankfurt und Berlin, mit Schwerpunkten auf der Berichterstattung zu Politik und Wirtschaft.

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Sven Kuhlbrodt, Senior Investor Relations, Baker Steel Capital Managers LLP

Unterbewertet und gefragt: Warum Goldminenaktien an Bedeutung gewinnen

Goldminenaktien rücken zunehmend in den Fokus institutioneller Investoren, da sie von strukturellen Angebotsdefiziten und einer möglichen Sektorrotation profitieren könnten. Trotz solider Fundamentaldaten gelten viele Unternehmen als unterbewertet. Der Ansatz, finanzielle Analyse mit geologischer Expertise zu verbinden, eröffnet dabei neue Perspektiven für die Bewertung und Auswahl von Investments. 

Manchmal entscheidet nicht der Taschenrechner über den Anlageerfolg, sondern der Geologenhammer. Während klassische Fondsmanager in den Glastürmen der Finanzmetropolen primär auf Excel-Tabellen starren, schickt Sven Kuhlbrodt von Baker Steel Capital Managers lieber Experten direkt unter Tage. In einer Welt, in der Bilanzen geduldig sind, bietet die physische Beschaffenheit einer Mine die letzte, unbestechliche Wahrheit.

In seinem Vortrag „Goldminenaktien und -fonds: eine erfolgreiche Anlagealternative“, gehalten beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, räumte der Senior Investor Relations Manager mit dem angestaubten Image der Bergbaubranche auf. Er präsentierte den Sektor nicht als riskantes Abenteuer, sondern als hocheffiziente, derzeit massiv unterbewertete Schnittstelle zwischen Realwirtschaft und Krisenvorsorge.

Der entscheidende Vorsprung – der sogenannte „Edge“ – von Baker Steel liegt in der Teamzusammensetzung: Hier arbeiten nicht nur CFAs und Volkswirte, sondern vor allem ausgebildete Geologen und Metallurgen. In einem Markt, der deutlich ineffizienter ist als der breite Aktienindex, ermöglicht dieses Fachwissen eine Outperformance, die rein datengetriebenen Modellen oft verwehrt bleibt.

Kuhlbrodt skizzierte ein Bild der „industriellen Renaissance“. Getrieben durch Megatrends wie Künstliche Intelligenz, die Energiewende und Robotik entstehe ein gewaltiger Hunger nach Rohstoffen, der weit über den reinen Werterhalt hinausgeht. Edelmetalle wie Silber und Platin profitieren hierbei von strukturellen Defiziten, da die industrielle Nachfrage das Angebot zunehmend übersteigt.

Makroökonomisch sieht der Experte eine gewaltige Sektorrotation am Horizont. Während institutionelle Anleger in den 1950er bis 70er Jahren oft über zehn Prozent ihrer Portfolios in Rohstoffaktien hielten, liegt diese Quote heute bei magerem einem Prozent. Schon eine kleine Umschichtung zurück in reale Werte könnte den Minensektor aufgrund seiner im Vergleich geringen Marktkapitalisierung förmlich beflügeln.

Zur aktuellen Schwäche des Goldpreises fand Kuhlbrodt klare Worte. Der scharfe Rücksetzer im Frühjahr 2026 sei vor allem auf „Margin Calls“ an den allgemeinen Aktienmärkten zurückzuführen: Investoren verkaufen Gold als ihr flüssigstes Asset, um Verluste in anderen Portfoliobereichen auszugleichen. Gold fungiert in der ersten Phase einer Krise oft als Liquiditätsquelle, bevor es später seine Rolle als sicherer Hafen voll ausspielt.

Das Risiko einer Stagflation – also wirtschaftlicher Stillstand bei hoher Inflation – hält Baker Steel für sehr real, sollten die aktuellen globalen Konflikte weiter eskalieren. In einem solchen Umfeld sind Goldminenproduzenten besonders attraktiv, da sie in einem Stagflationsszenario als Teil eines diversifizierten Portfolios Schutz bieten können.

Ein Blick auf die nackten Zahlen gibt dem Experten recht: Bei Produktionskosten (AISC) von durchschnittlich 1.600 bis 1.700 US-Dollar pro Unze verdienen die Unternehmen selbst bei korrigierten Goldpreisen von rund 4.270 Dollar prächtig. Das Management der Minen agiert heute wesentlich professioneller als in früheren Boomphasen; statt blindem Wachstum stehen Schuldenabbau, Kapitaldisziplin und Dividenden für die Aktionäre im Vordergrund.

Trotz dieser glänzenden Fundamentaldaten sind Minenaktien im Vergleich zum breiten Markt weiterhin historisch unterbewertet. Während die „Majors“ im Schnitt bei einem Kurs-Nettoinventarwert von 0,75 gehandelt werden, liegen die „Junioren“ sogar bei 0,51 – weit entfernt von den Höchstständen früherer Zyklen. Für antizyklische Investoren bietet sich hier laut Kuhlbrodt ein attraktiver Einstiegspunkt.

Der Investmentprozess bei Baker Steel kombiniert dabei moderne Technologie mit harter Feldforschung. Eine spezialisierte Datenbank katalogisiert seit über 20 Jahren sämtliche Minen weltweit, unterstützt von Künstlicher Intelligenz, um komplexe Cashflow-Analysen und Bewertungen zu beschleunigen. Dennoch bleibt der persönliche Kontakt entscheidend: Regelmäßige Standortbesuche und der direkte Austausch mit dem Management sind Pflicht, um die operative Realität zu prüfen.

Auch das Thema ESG (Umwelt, Soziales, Governance) ist für Kuhlbrodt ein harter Performance-Faktor. Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten ist heute essenziell für die Wertentwicklung einer Aktie. Baker Steel nutzt hierfür ein integriertes Research-Modell, das Risiken und Chancen bewertet und Katalysatoren für Preisbewegungen identifiziert.

Zum Abschluss betonte der Experte die Bedeutung der strategischen Allokation: Während physisches Gold die Basis bildet, sind Minenaktien der Renditehebel. Baker Steel selbst erhöht derzeit in seinen diversifizierten Strategien die Quote für Edelmetallaktien auf bis zu 50 Prozent, da diese in den kommenden Jahren voraussichtlich besser abschneiden werden als andere Industrimetallproduzenten.

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Junlu Liang – Senior Analyst, Metals Focus

Das „unruhigste“ Metall: Warum Silber zum Brennpunkt der Rohstoffmärkte wird

Der Silbermarkt hat sich in kurzer Zeit grundlegend verändert: Extreme Preisschwankungen, ein strukturelles Angebotsdefizit und eine stark wachsende industrielle Nachfrage prägen das aktuelle Bild. Gleichzeitig rückt das Metall zunehmend in den Fokus geopolitischer Strategien, da es für zentrale Zukunftstechnologien unverzichtbar ist.

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und beobachten, wie der Silberpreis innerhalb weniger Stunden um satte zehn US-Dollar nach oben schnellt. Was früher eine Handelsspanne für ein ganzes Jahr markierte, ist im Frühjahr 2026 zur nervenaufreibenden Realität eines Vormittags geworden. Diese extreme Volatilität zeigt deutlich, dass der Silbermarkt seine gemütlichen Zeiten längst hinter sich gelassen hat und zu einem der am schärfsten beobachteten Schauplätze der globalen Rohstoffpolitik geworden ist.

In ihrem Vortrag „Silber – die aktuelle Marktlage und was planen die Supermächte USA und China?“ analysierte Junlu Liang, Senior Analyst bei Metals Focus Ltd., beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 die fundamentalen Umbrüche dieser Assetklasse. Sie verdeutlichte, dass Silber weit mehr als nur der „kleine Bruder“ des Goldes ist und sich durch seine Doppelrolle als Geldmetall und unverzichtbarer Industrierohstoff in einer historisch einmaligen Angebotsklemme befindet.

Der Rückblick auf das Jahr 2025 liest sich wie eine Erfolgsgeschichte der Superlative, in der Silber sukzessive neue Allzeithochs erklomm und die meisten anderen Industriemetalle weit hinter sich ließ. Trotz einer scharfen Korrektur zu Beginn des Jahres 2026 notiert der Preis immer noch auf einem Niveau, das vor zwölf Monaten als astronomisch gegolten hätte. Liang betonte, dass wir uns nun in einer Phase befinden, in der die Preisschwankungen zur neuen Normalität werden.

Ein entscheidender Indikator für diese Dynamik bleibt das Gold-Silber-Verhältnis, das in den letzten zwei Jahren eine wilde Berg- und Talfahrt vollführte. Während die Ratio nach der Ankündigung neuer US-Zölle im Frühjahr 2024 zeitweise über die Marke von 100 schoss, drückte der Silber-Boom sie Anfang 2026 fast bis auf 40. Aktuell stabilisiert sich das Verhältnis bei etwa 60, was Liang als Zeichen einer gewissen Widerstandsfähigkeit wertet, da Silber in Stressphasen normalerweise deutlich stärker unter Druck gerät als Gold.

Die fundamentale Basis für die Preisstärke ist ein chronisches Defizit: Seit 2021 übersteigt die globale Nachfrage jedes Jahr das Angebot aus Minenproduktion und Recycling. Im Jahr 2026 wird das fünfte Defizitjahr in Folge erwartet, was bedeutet, dass der Markt massiv auf bestehende Lagerbestände zurückgreifen muss. Für die Besitzer dieser Vorräte entstehen dadurch enorme Anreize, das Material nur zu immer höheren Preisen auf den Markt zu bringen.

Dass das Angebot nicht einfach mit der Nachfrage mitwachsen kann, liegt an der besonderen Struktur der Silberförderung. Rund 70 % des weltweiten Silbers fallen lediglich als Beiprodukt bei der Gewinnung von Gold, Kupfer, Blei oder Zink an. Eine Ausweitung der Produktion ist daher kaum allein durch den Silberpreis steuerbar, und die Inbetriebnahme neuer Primärminen benötigt oft viele Jahre Vorlaufzeit.

Auf der Nachfrageseite fungiert China als der alles dominierende Motor, der Silber in die industrielle Moderne katapultiert. Ob Photovoltaik-Module, die Elektrifizierung von Fahrzeugen, der Ausbau der 5G-Netze oder der aktuelle Boom bei Künstlicher Intelligenz – überall ist Silber aufgrund seiner Leitfähigkeit unverzichtbar. Liang wies darauf hin, dass die industrielle Nachfrage selbst während der Pandemie kaum nachgab und heute Rekordhöhen erreicht, die fast ausschließlich von Peking getrieben werden.

Doch der Erfolg birgt auch Risiken, denn die extremen Preissteigerungen und die Volatilität könnten eine „Nachfrage-Destruktion“ auslösen. Insbesondere in der Solarindustrie arbeiten Hersteller fieberhaft daran, den Silbergehalt ihrer Paneele zu reduzieren oder das Metall durch günstigere Alternativen wie Kupfer zu ersetzen. Sobald eine Technologie einmal silberfrei und effizient ist, wird die Industrie selbst bei sinkenden Preisen kaum zu dem Edelmetall zurückkehren.

In Washington wird Silber derweil zunehmend als nationales Sicherheitsinteresse betrachtet, nachdem es im vergangenen Jahr auf die Liste der kritischen Mineralien gesetzt wurde. Trotz der protektionistischen Rhetorik der US-Administration hält Liang pauschale Zölle auf Silber für unwahrscheinlich. Die USA sind massiv auf Importe aus Mexiko und Kanada angewiesen, und ein künstlich verteuertes Silber würde zudem eine wichtige Wählergruppe der Republikaner treffen: die Käufer von Anlagebarren und Münzen.

China wiederum festigt seine Rolle als globaler „Retter“ der Liquidität, indem es trotz des enormen Eigenbedarfs weiterhin beachtliche Mengen an veredeltem Silber exportiert. Gerüchte über ein mögliches Exportverbot sorgten zuletzt für Panik an den Märkten, doch Liang gab Entwarnung: Die routinemäßige Überprüfung der Exportlizenzen durch die chinesische Regierung wurde oft falsch interpretiert. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass Peking den globalen Fluss des Metalls aktiv unterbinden will.

Für Investoren bleibt die Lage dennoch angespannt, da die physische Verfügbarkeit in den großen Handelszentren wie London historisch niedrig ist. Fast 80 % der dortigen Bestände sind fest in physisch hinterlegten ETFs gebunden und stehen dem freien Markt nicht zur Verfügung. Diese Verknappung hat dazu geführt, dass im Jahr 2025 Rekordsummen in Silber-ETFs flossen, da Anleger versuchen, sich in einem immer enger werdenden Markt zu positionieren.

Zum Abschluss wagte Liang einen Ausblick, der die ganze Unsicherheit der aktuellen Weltlage widerspiegelt: Die Prognosekorridore für den Silberpreis im Jahr 2026 sind so breit wie nie zuvor. Je nach geopolitischer Entwicklung in Konfliktregionen wie dem Iran und dem Erfolg technologischer Substitutionen hält sie sowohl Rücksetzer auf 50 US-Dollar als auch einen Sprung zurück auf 80 US-Dollar für möglich. Fest steht nur eines: Silber bleibt das „unruhigste“ Metall im Portfolio der Supermächte.

Biografie: Junlu verfügt über 18 Jahre Erfahrung im Bereich Edelmetalle und ist verantwortlich für die Forschungsaktivitäten zu Investmentmöglichkeiten in Europa, dem öffentlichen Sektor sowie der Nachfrage nach Platinmetallen in der Chemie- und Erdölindustrie. Zuvor war sie bei GFMS tätig. Junlu hält einen Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der London School of Economics and Political Science.

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Constantin Prinz zu Salm-Salm – Geschäftsführender Gesellschafter, Salm-Salm & Partner GmbH

Wald statt Wertpapier: Sachwerte für Generationen gedacht

Sachwerte wie Wald und Landwirtschaft eröffnen langfristige Perspektiven jenseits klassischer Finanzanlagen. Sie verbinden stabile Erträge mit realem Substanzwert und eignen sich besonders für generationenübergreifende Vermögensstrategien. In Kombination mit Gold entstehen robuste Portfolios für eine zunehmend unsichere Welt.

In der beschaulichen Gemeinde Wallhausen steht eine Roteiche, die Geschichte atmet. Gepflanzt wurde sie vom Urgroßvater des heutigen Besitzers, und erst heute, vier Generationen später, nähert sie sich ihrer Erntezeit. Wer sich über ein Jahrhundert lang um einen einzigen Baum kümmert, der denkt zwangsläufig nicht in Quartalszahlen oder Euro-Beträgen, sondern in Hektaren, Festmetern Holz und vor allem in Generationen.

Dass Sachwerte weit mehr sein können als glänzendes Metall im Tresor, demonstrierte Constantin Prinz zu Salm-Salm, geschäftsführender Gesellschafter der Salm-Salm Vermögensverwaltung, in seinem Impulsvortrag „Wenn es mehr als Gold sein soll: Investitionen in Wald und Landwirtschaft“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026. Er skizzierte den Wald als eine „geräuschlose Fabrik“ und einen idealen Portfolio-Anker für hochvermögende Kunden, die über den Tellerrand der klassischen Assetklassen hinausblicken.

Für den Prinzen ist der Wald weit mehr als eine bloße Anlageklasse; er nennt ihn den „besten Lehrmeister, den es gibt“. Er vermittle der nächsten Generation den Wert von Arbeit und die Demut vor dem biologischen Wachstum – dass Bäume eben nicht in den Himmel wachsen. Gleichzeitig bietet er die seltene Chance, ein Vermögen über Jahrhunderte hinweg inflationsgeschützt zu erhalten, ohne die Erben durch übermäßige Liquidität zu verwöhnen, da die Cash-Renditen zwar stabil, aber moderat ausfallen.

Eine faszinierende Parallele zieht Salm-Salm zum Gold: Beide Anlageklassen teilen die Eigenschaft, dass sie sich nicht ständig neu erfinden müssen. Während ein Unternehmen sein Geschäftsmodell alle fünf bis zehn Jahre transformieren muss und eine Immobilie nach drei Jahrzehnten oft kernsaniert werden muss, bleibt Grund und Boden in seiner Funktion beständig. Er produziert einfach weiter, Jahr für Jahr, ohne dass der Besitzer aktiv in technologische Innovationen investieren muss.

Die ökonomische Kraft hinter dem Grün ist das biologische Wachstum, das eine natürliche Rendite von rund 5 % pro Jahr liefert. Anschaulich rechnete der Referent vor: Ein Hektar Wald produziert jährlich etwa zehn Festmeter Holz. Bereits drei Hektar genügen, um jedes Jahr eine komplette LKW-Ladung Rohstoff zu erwirtschaften – und das über Generationen hinweg. Diese „geräuschlose Fabrik“ benötigt lediglich ein kompetentes Forstmanagement, um langfristig kriegsentscheidende Erträge zu liefern.

Trotz der tiefen Verwurzelung in Wald und Gold betont Salm-Salm, dass für eine attraktive Rendite im liquiden Bereich kein Weg an Aktien vorbeiführt. In der Vermögensverwaltung des Hauses setzt man konsequent auf Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen der Realwirtschaft. Dabei wird jedoch ein werteorientierter Ansatz verfolgt, der den verantwortungsvollen Umgang mit Mensch, Natur und der „Schöpfung“ ins Zentrum stellt.

Die familiäre Investmentphilosophie ist dabei strikt: Zwei Dinge sollte man nach Ansicht des Prinzen physisch besitzen – Land- und Forstwirtschaft sowie Gold. Während Gold als die absolute Krisenabsicherung für den direkten Zugriff dient, fungieren Forstflächen als produktiver Sachwert. Gold wird im Hause Salm-Salm daher eher nach dem Motto „kaufen und vergessen“ behandelt und nicht täglich neu bewertet, ähnlich wie man es mit dem eigenen Wald tun würde.

Das größte Risiko für Waldinvestoren ist laut Salm-Salm nicht die Volatilität der Holzpreise oder Naturkatastrophen wie die Stürme „Wiebke“ oder „Kyrill“, mit denen man forstlich umgehen kann. Die wahre Gefahr seien „Enteignungsfantasien“, die geopolitisch immer wieder aufkeimen. Wenn der Schutz des Eigentums erlischt, verliert die Pflege eines Baumes über vier Generationen hinweg jede ökonomische Grundlage.

Konsequenterweise konzentriert sich die geografische Allokation seines Hauses auf Regionen mit höchster Rechtssicherheit: Nordamerika, Europa und Ozeanien. Die Frage, ob ein Investor Gefahr läuft, enteignet zu werden, steht bei der Standortwahl an erster Stelle, noch vor dem biologischen Wachstumspotenzial oder der Marktnähe für die Holzprodukte. Sicherheit geht hier eindeutig vor maximaler Ertragsoptimierung in politisch instabilen Zonen.

Rückblickend auf die letzten 20 Jahre identifizierte der Prinz fünf Wellen des Investoreninteresses an seinem Sektor. Begonnen beim Vertrauensverlust in das Finanzsystem nach der Krise 2008 über die Niedrigzinsphase bis hin zum aktuellen Trend. Heute beobachtet er vor allem große Family Offices, die ihr Vermögen massiv diversifizieren wollen – ein Trend, der Kapital weg von den Unsicherheiten Europas hin nach Amerika und Neuseeland fließen lässt.

Für Kunden, die nicht selbst den Wald bewirtschaften wollen, bietet sein Haus ein „Rundum-sorglos-Paket“ an. Von der Due Diligence beim Ankauf bis zur jährlichen Erstellung von Bilanz und Gewinn-und-Verlust-Rechnung übernimmt das Team die komplette operative Steuerung. Insgesamt betreut Salm-Salm mittlerweile rund 140.000 Hektar Land- und Forstwirtschaft weltweit für seine Mandanten.

Am Ende zählt auch im Wald die Selektion: Von zehn angebotenen Objekten wird im Schnitt nur eines gekauft, um keine qualitative „Schrott-Anlage“ ins Portfolio zu holen. Diese Disziplin und die Erfahrung aus einem über 800 Jahre alten Familienbetrieb – dem ältesten familiengeführten Weingut Deutschlands – bilden das Fundament für das Vertrauen der Kunden. In einer volatilen Welt bieten Wald und Gold so die notwendige Erdung für das Vermögen der übernächsten Generation.

Biografie: Constantin Prinz zu Salm-Salm ist u.a. Geschäftsführender Gesellschafter des 1989 von seinem Vater Prinz Michael gegründeten, unabhängigen Vermögensverwalters Salm-Salm & Partner, der in Wallhausen in Rheinland-Pfalz beheimatet ist. Die Familie Salm-Salm schaut auf eine über 800 jährige Geschichte zurück und betreibt u.a. auch das nachweislich älteste Weingut in Familienbesitz in Deutschland.

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Dr. Philip Reisert – Co-CEO, C. Hafner

Zwischen Tresor und Token: Die Zukunft des Goldbesitzes

Die Tokenisierung von Gold verbindet die physische Stabilität des Edelmetalls mit der Geschwindigkeit digitaler Transaktionen. Durch Blockchain-Technologie und klare regulatorische Rahmenbedingungen entsteht ein neuer Markt, der Effizienz, Transparenz und Teilbarkeit grundlegend verbessert. Damit könnte sich der Umgang mit Gold langfristig ebenso stark verändern wie der Finanzsektor insgesamt.

Warren Buffett, das „Orakel von Omaha“, bezeichnet Gold gerne als nutzlosen Würfel, den man mühsam aus der Erde gräbt, nur um ihn an anderer Stelle wieder zu vergraben und teuer von Leuten bewachen zu lassen, die im Grunde nur herumstehen. Doch Dr. Philipp Reisert hält dagegen: Zwar wirft Gold keine Dividenden ab, genießt aber seit 5.000 Jahren ein kollektives Vertrauen als Wertspeicher, das Papierwährungen, die eigentlich aus dem Nichts geboren werden, oft fehlt.

In seinem Vortrag „Die Tokenisierung von Gold – Ist das die Zukunft?“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 verdeutlichte der geschäftsführende Gesellschafter der C.Hafner GmbH & Co. KG, dass das Metall zwar faszinierend stabil, technologisch aber im Grunde rückständig sei. Während eine E-Mail heute in Millisekunden um die Welt reist, dauert die Abwicklung eines physischen Goldgeschäfts oft noch Tage, was in einer digitalisierten Welt kaum noch zeitgemäß erscheint.

Die Lösung für dieses Effizienzproblem ist laut Reisert die Tokenisierung, die man sich wie einen „digitalen Zwilling“ eines realen Objekts vorstellen muss. Dabei wird für einen physischen Goldbarren, der sicher in einem auditierten Hochsicherheitstresor lagert, ein exaktes digitales Abbild auf der Blockchain erstellt.

Wer den Token in seiner digitalen Wallet hält, ist der rechtmäßige Eigentümer des hinterlegten Goldes. Der entscheidende Vorteil dieser Technologie liegt in der Geschwindigkeit: Das Eigentum kann in Sekunden weltweit übertragen werden, während sich der schwere Goldbarren selbst keinen Millimeter bewegen muss.

Als technisches Rückgrat dient die Blockchain, die Reisert als ein dezentrales, fälschungssicheres Kassenbuch beschreibt, das für jeden Teilnehmer jederzeit nachvollziehbar ist. Ergänzt wird dieses System durch sogenannte Smart Contracts, die wie ein digitaler Notar funktionieren und den Eigentumsübergang automatisch auslösen, sobald eine bestimmte Bedingung, wie etwa der Zahlungseingang, erfüllt ist.

Reisert betonte ausdrücklich, dass tokenisiertes Gold keinesfalls mit spekulativen Kryptowährungen wie dem Bitcoin verwechselt werden darf. Während Bitcoin keinen inneren Wert besitzt und extremen Kursschwankungen unterliegt, ist ein Gold-Token ein „Asset Referenced Token“, der eins zu eins durch physisches Metall gedeckt ist und dessen Volatilität eins zu eins widerspiegelt.

Europa nimmt hierbei eine weltweite Vorreiterrolle ein, da die Ende 2025 in Kraft getretene MiCA-Verordnung erstmals die notwendige Rechtssicherheit für solche digitalen Produkte bietet. Im Gegensatz zum regulatorischen „Flickenteppich“ in den USA gibt es in der EU nun klare Regeln für Transparenz, regelmäßige Audits und das verbriefte Recht auf physischen Rücktausch.

Ein zentrales Anliegen der Technologie ist die Überwindung der massiven Ineffizienzen des heutigen physischen Handels. Aktuell müssen Anleger oft hohe Aufschläge für Prägung und Vertrieb zahlen und bei einem geplanten Verkauf das Metall mühsam zum Händler transportieren, was zusätzliche Zeit und hohe Versicherungskosten verursacht.

Ein oft unterschätztes Problem im herkömmlichen Bankenhandel ist zudem das Kontrahentenrisiko bei unallozierten Konten, die derzeit über 90 % des Marktes ausmachen. Hier ist der Anleger lediglich ein Gläubiger der Bank; bei einer Tokenisierung hingegen stellt der Token echtes Sondereigentum dar, da das Gold auf der Blockchain technisch immer fest zugewiesen (allocated) ist.

Durch die digitale Stückelung wird Gold zudem grundlegend „demokratisiert“, da es nun beliebig teilbar ist. Anleger können problemlos kleinste Mengen wie ein Zehntel Gramm besitzen und übertragen, was Gold im Alltag so liquide wie Bargeld macht, ohne dass es seine charakteristische Wertbeständigkeit verliert.

Das wirtschaftliche Potenzial dieser Entwicklung stufte Reisert als gigantisch ein und verwies auf Experten wie Larry Fink von BlackRock, der in der Tokenisierung die nächste Entwicklungsstufe der Finanzmärkte sieht. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 reale Werte im Umfang von 16 Billionen US-Dollar tokenisiert sein könnten, wobei Gold aufgrund seiner Standardisierung der perfekte Kandidat für diesen Prozess ist.

Obwohl der Goldmarkt traditionell extrem konservativ agiert und Veränderungen oft Jahrzehnte dauern, sieht Reisert vor allem in der „Generation Z“ den entscheidenden Treiber für diesen Wandel. Die Zeit des „programmierbaren Goldes“ auf Basis der Blockchain habe begonnen, und auch wenn der Akzeptanzprozess Zeit benötige, werde sich die Art, wie wir das Edelmetall nutzen, handeln und verwahren, radikal verbessern.

Biografie: Dr. Philipp Reisert führt das 1850 gegründete und bis heute familiengeführte Unternehmen C.HAFNER als Co-CEO in der fünften Generation gemeinsam mit Birgitta Hafner. Er ist zudem der derzeitige stv. Vorsitzende der deutschen Fachvereinigung Edelmetalle (FVEM). Er hält einen MBA sowie eine Promotion (PhD) im Bereich Production Controlling der Universität St. Gallen.

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Dierk Schaffer – Managing Director, Stuttgart Commodities Exchange

Zwischen Barren und Börse: Die Rolle von Papiergold im Portfolio

Exchange Traded Commodities verbinden die Sicherheit physisch hinterlegten Goldes mit der Flexibilität moderner Finanzmärkte. In einem zunehmend volatilen Umfeld gewinnen diese Instrumente an Bedeutung, da sie Liquidität, Transparenz und schnelle Reaktionsfähigkeit ermöglichen, ohne auf die physische Basis zu verzichten. 

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im Venedig des 14. Jahrhunderts: Sie zahlen Ihre Goldmünzen bei einem Kaufmann ein und erhalten dafür lediglich ein schriftliches Erfüllungsversprechen, um sich die gleiche Menge Wochen später im fernen Brügge wieder auszahlen zu lassen. Was damals als riskantes Vertrauensexperiment zur Vermeidung von Raubüberfällen auf Handelsrouten begann, bildet heute das fundamentale Rückgrat eines hocheffizienten, globalen Marktes.

Diesen historischen Bogen spannte Dierk Schaffer, Geschäftsführer der Boerse Stuttgart Commodities GmbH, in seinem Impulsvortrag „Gold auf dem Papier – eine Alternative?“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026. In einer Zeit, in der die Volatilität die Märkte atemlos hält, beleuchtete Schaffer die Rolle von Exchange Traded Commodities (ETCs) als technologische und regulatorische Brücke zwischen der haptischen Sicherheit des physischen Barrens und der Geschwindigkeit des modernen Finanzwesens.

Das Kernproblem für europäische Anleger ist oft regulatorischer Natur: Ein klassischer ETF (Exchange Traded Fund) darf nach EU-Recht kein „Single Asset“ enthalten – ein Fonds nur auf Gold ist also rechtlich nicht möglich. Die Lösung ist das ETC-Setup, eine Inhaberschuldverschreibung über eine Zweckgesellschaft (SPV), die das Risiko kapselt. Schaffer verwies darauf, dass sein Haus allein auf diesem Weg über fünf Milliarden Euro an Kundengeldern verwaltet, wobei das Vertrauen in den Emittenten und die hinterlegte Struktur das höchste Gut bleibt.

Schaffer räumte mit dem Vorurteil auf, Papiergold sei lediglich ein „Zockerinstrument“. Während Hebelprodukte auf steigende oder fallende Kurse tatsächlich oft ungedeckt sind, versuchen ETCs, das Beste aus zwei Welten zu vereinen: Die Transparenz und tägliche Bewertung auf Basis des Londoner Fixings kombiniert mit der Sicherheit von physischem Gold, das in Hochsicherheitstresoren lagert. Der Anleger erhält die Flexibilität eines Wertpapiers, ohne sich selbst um Lagerung oder Versicherung kümmern zu müssen.

Ein interessanter Aspekt der Risikowahrnehmung hat sich laut Schaffer über die Weihnachtsfeiertage 2025 verschärft. Einbrüche in Banktresore machten einer breiten Masse bewusst, dass selbst ein physisches Schließfach nicht zu 100 % sicher ist und oft Fragen zur Versicherungsdeckung offenbleiben. Hier bieten ETCs durch professionelle Partner wie Brink’s eine industrieweite Absicherung, die für den Privatanleger kaum im Alleingang darstellbar wäre.

In puncto Liquidität spielt das Papiergold seine Trümpfe voll aus. Schaffer erläuterte, dass über die „Creation-Redemption-Prozesse“ mit großen Goldbanken täglich Volumina von 500 Millionen bis zu einer Milliarde Euro bewegt werden können, ohne den Marktpreis nennenswert zu beeinflussen. Dies ist ein entscheidender Vorteil für institutionelle Investoren, die in Sekundenschnelle auf geopolitische Schocks reagieren müssen.

Für den deutschen Markt gibt es zudem eine steuerliche Besonderheit, die ETCs besonders attraktiv macht: Die Option der physischen Auslieferung. Diese sorgt für eine steuerliche Gleichstellung mit physischem Gold, sofern das Produkt entsprechend strukturiert ist. Damit bleibt das „Papiergold“ für den deutschen Sparer nicht nur eine theoretische Forderung, sondern ein verbrieftes Recht auf das reale Metall.

Beim Blick auf die globale Landkarte wird deutlich, dass Europa derzeit einem starken Wachstumstrend aus Asiengegenübersteht. Während die USA mit gigantischen Produkten wie dem „Spider ETF“ dominieren, entwickeln sich Standorte wie Singapur und Indonesien rasant zu neuen Gold-Hubs, die eigene Regulierungen für Goldbanken und private Anleger schaffen. China treibt den Markt zudem durch staatsnahe Asset Manager und innovative Produkte massiv voran.

Die eigentliche Revolution steht jedoch noch bevor: Die Tokenisierung. Schaffer beschäftigt sich bereits seit zehn Jahren mit diesem Thema, doch erst jetzt scheint der Massenmarkt in Reichweite. Durch „digitale Zwillinge“ von Goldbarren auf der Blockchain könnte das Eigentum in Lichtgeschwindigkeit übertragen werden, während das Metall sicher verwahrt bleibt – ein Prozess, der durch die neue MiCA-Regulierung in Europa nun rechtssicher möglich wird [121.

Eng verknüpft mit der Tokenisierung ist der Trend zum 24/7-Handel. In einer global vernetzten Welt wirkt es zunehmend anachronistisch, dass der Goldhandel am Wochenende pausiert. Schaffer prognostiziert, dass wir uns von den aktuellen Abwicklungszyklen (T+2) über T+1 unweigerlich in Richtung T+0 bewegen werden, was die Branche vor enorme logistische Herausforderungen bei der physischen Unterlegung in Echtzeit stellt.

Ein weiteres „zartes Pflänzchen“, das laut Schaffer an Bedeutung gewinnt, ist die Nachfrage nach transparenter Herkunft (Provenance Gold). Besonders Family Offices und institutionelle Investoren verlangen heute detaillierte Nachweise über die Lieferkette. Dank Initiativen des World Gold Council und der LBMA ist es heute möglich, die Reise des Goldes von der Mine bis zum Barren lückenlos digital zu dokumentieren.

Abschließend hielt Schaffer fest, dass Gold auf dem Papier keine bloße Notlösung ist, sondern eine hocheffiziente Ergänzung zum physischen Bestand. In einem Marktumfeld, das von der „Gier oder Angst“ der Anleger getrieben wird, bieten diese Produkte die notwendige Manövriermasse, um Portfolios dynamisch zu steuern. Das Fazit in Frankfurt war klar: Wer die Chancen der Digitalisierung nutzt, ohne die physische Basis zu vergessen, ist für die Stürme des Jahres 2026 bestens gerüstet.

Biografie: Dierk Schaffer ist seit 2021 Managing Director der Boerse Stuttgart Commodities GmbH. Als CEO der Emissionsgesellschaft der EUWAX-Gold-Produkte verantwortet er die strategische Ausrichtung, den operativen Betrieb sowie Produktentwicklung und Vertrieb.

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Rüdiger Schmitt, Journalist und Kommunikationsberater

GEO statt SEO: Wie sich Marketing im Edelmetallhandel verändert

Künstliche Intelligenz verändert grundlegend, wie Vertrauen entsteht und Informationen bewertet werden. Für die Edelmetall- und Finanzbranche bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: Nicht mehr klassische Medien oder Berater bestimmen die Wahrnehmung, sondern algorithmisch generierte Inhalte. Unternehmen stehen damit vor der Herausforderung, ihre Sichtbarkeit und ihr Narrativ gezielt für KI-Systeme zu optimieren.

 

Wenn der eigene fünfjährige Sohn im festen Glauben aufwächst, dass nicht etwa sein Vater alles weiß, sondern ChatGPT, dann ist das mehr als nur eine charmante Familienanekdote. Für den Kommunikationsberater Rüdiger Schmidt ist es das Sinnbild eines fundamentalen Epochenwechsels. In einer Welt, in der die nächste Generation von Erben Finanzentscheidungen auf Basis von Algorithmen trifft, müssen sich die Regeln für das Marketing in der Edelmetallbranche radikal ändern.

 

In seinem Vortrag über die Zukunft des Marketings für die Edelmetall- und Finanzbranche, gehalten beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026, beleuchtete Schmidt, wie Künstliche Intelligenz (KI) das Vertrauen der Kunden neu definiert. Seine zentrale Botschaft: Die Ära des klassischen „Gatekeepers“ – also des Journalisten oder Beraters, der entscheidet, welche Informationen die Öffentlichkeit erreichen – ist unwiderruflich vorbei.

 

Dabei bleibt Vertrauen die Hauptwährung für jeden Edelmetallhändler. Kunden müssen darauf vertrauen, dass ein Barren echt ist, dass die Abwicklung sicher abläuft und dass ihr Geld im Vorfeld einer Online-Bestellung gut aufgehoben ist. Doch wie dieses Vertrauen heute entsteht, hängt zunehmend davon ab, was eine KI in einer sogenannten „AI Overview“ über ein Unternehmen ausspuckt.

 

Laut Schmidt wurde die „Büchse der Pandora“ bereits im März 2025 geöffnet, als Google begann, KI-generierte Zusammenfassungen ganz oben in den Suchergebnissen zu platzieren. Das Problem: Es spielt keine Rolle, ob der Händler selbst diese Technologie nutzt – entscheidend ist, dass seine Kunden es tun werden. Der traditionelle Torwächter aus Sandstein, der den Wissensfluss kontrolliert, hat ausgedient.

 

Die Dynamik dieser Entwicklung illustrierte Schmidt mit einer Kurve, die dem steilen Anstieg des Goldkurses der letzten Jahre verblüffend ähnelt. Während die Goldpreise Rekorde brachen, stieg die KI-Nutzung ebenso rasant an – mit dem Unterschied, dass diese Kurve zwangsläufig die 100-Prozent-Marke anpeilen wird. Inzwischen gibt es bereits mehr KI-Modelle und Assistenten auf dem Markt als Kryptowährungen.

 

Ein besonders interessanter Aspekt für die Branche ist die Arbeitsweise der verschiedenen Modelle. Während viele Suchmaschinen auf reinem Trainingswissen basieren, arbeitet beispielsweise die bei Journalisten beliebte KI Perplexityauf Basis von Website-Wissen und nennt explizit ihre Quellen. Dies ermöglicht es dem Nutzer, Informationen direkt zu verifizieren – eine Funktion, die Google inzwischen ebenfalls integriert hat.

 

Schmidt führte dem Publikum vor Augen, wie schnell heute Inhalte generiert werden: In nur zehn Minuten kann ein Finanzinfluencer mittels KI eine marktentscheidende Aussage samt schicker Infografik erstellen. Die entscheidende Frage für jedes Unternehmen lautet daher: Sind die Kriterien, die die KI über Sie ausspuckt, genau das Narrativ, das Sie gerne über sich hören möchten?

 

Hier kommt das neue Zauberwort ins Spiel: GEO (Generative Engine Optimization). GEO tritt an die Stelle der klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO). Es geht nicht mehr nur darum, gefunden zu werden, sondern darum, wie eine KI die Markenwahrnehmung, die Produkte und die Vertrauenswürdigkeit eines Hauses kategorisiert und wiedergibt.

 

Dabei liest die KI Medien in vier Kategorien: Online-Medien, die KI-Crawler aktiv aussperren, Medien hinter einer Paywall (von denen oft nur der „Clickbait“-Teaser gelesen wird), öffentlich zugängliche Artikel und schließlich große Verlagshäuser, die spezielle Deals mit KI-Anbietern abgeschlossen haben. Wer in diesen Quellen nicht mit seinem gewünschten Narrativ präsent ist, existiert für die KI schlichtweg nicht.

 

Die gute Nachricht für Unternehmen: Die eigene Website gewinnt massiv an Relevanz zurück. Sie muss jedoch technisch so „aufgeräumt“ sein, dass Crawler sie problemlos indexieren können. Ebenso wichtig sind Wikipedia-Einträge, da die KI diesen aufgrund der strengen redaktionellen Kontrolle der Community eine besonders hohe Autorität zuweist.

 

Weitere Hebel für ein scharfes Narrativ sind YouTube-Erklärvideos – sofern sie ein Transkript enthalten, das die KI auslesen kann – sowie Fachbeiträge auf Plattformen wie LinkedIn. Ein fieses Detail am Rande: Aktuell kann die KI noch nicht zwischen redaktionellen Inhalten und bezahlten „Advertorials“ unterscheiden; sie liest beides als gleichwertigen Content aus.

 

Abschließend warnte Schmidt jedoch vor den Risiken: Die KI besitzt ein „Elefantengedächtnis“. Während man negative Google-Treffer früher durch neue Meldungen nach unten drücken konnte, vergisst eine KI alte Fehler oder Krisenmeldungen kaum. Für ein erfolgreiches GEO-Marketing empfahl er daher absolute technische Disziplin: Inhalte sollten in HTML statt PDF bereitgestellt werden und idealerweise auch auf Englisch verfügbar sein, um Inhaltsverluste bei der Übersetzung durch die meist US-amerikanischen KI-Modelle zu vermeiden.

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Tim Schwerdtfeger, Rohstoff- und Devisenhändler, Volkswagen AG

Industrie unter Volatilitätsdruck: Edelmetallstrategie eines Automobilkonzerns

Extreme Preisschwankungen und geopolitische Abhängigkeiten machen Edelmetalle zu einem kritischen Faktor für die Automobilindustrie. Am Beispiel von Volkswagen zeigt sich, wie industrielle Großverbraucher durch strategische Lagerhaltung, langfristige Verträge und finanzielle Absicherungsinstrumente ihre Versorgung sichern und gleichzeitig die Auswirkungen volatiler Märkte kontrollieren.

In der Welt der Rohstoffmärkte ist eine Preisverdopplung oft schon eine Schlagzeile wert, doch für den Automobilriesen Volkswagen sind solche Schwankungen beinahe harmlos im Vergleich zu dem, was das Unternehmen im Jahr 2021 erlebte. Damals schoss der Preis für Rhodium auf astronomische 30.000 US-Dollar, was einer Steigerung von mehreren tausend Prozent entsprach und die Kalkulationen ganzer Modellreihen erschütterte.

Wie ein globaler Industriekonzern derartige Turbulenzen bändigt, erläuterte Tim Schwerdtfeger, Rohstoff- und Devisenhändler bei der Volkswagen AG, in seinem Vortrag „Industrie: Die Steuerung von Edelmetallrisiken bei der Volkswagen AG“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026. Er verdeutlichte dabei, dass VW sich im Bereich der Edelmetalle sehr stark aufgestellt fühlt und eine klare Abgrenzung zwischen operativem Bedarf und Marktbeobachtung zieht.

Die zentrale Philosophie des Konzerns ist dabei denkbar einfach: Volkswagen partizipiert niemals zu spekulativen Zwecken oder als Investor am Edelmetallmarkt. Das oberste Ziel der Wolfsburger Treasury ist es, Planungssicherheit für die Produktion zu schaffen, das operative Ergebnis zu stabilisieren und die Volatilität der Preise so weit wie möglich zu reduzieren.

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Metallen der Platingruppe, namentlich Platin, Palladium und Rhodium, die für die Abgasreinigung essenziell sind. Während die Bedeutung von Platin aufgrund sinkender Dieselanteile seit 2015 abnimmt, ist die Automobilindustrie bei Palladium und Rhodium mit rund 85 Prozent der weltweiten Nachfrage der mit Abstand dominierende Akteur.

Für Schwerdtfeger steht das Verfügbarkeitsrisiko noch vor dem Preisrisiko, da ein Produktionsstopp aufgrund fehlender Kleinstmengen an Edelmetallen betriebswirtschaftlich verheerende Folgen hätte. Die Erfahrungen aus der Chipkrise haben den Konzern gelehrt, dass die physische Kontrolle über die Rohstoffe eine absolute Top-Priorität sein muss, um die Bänder am Laufen zu halten.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich Volkswagen bewusst gegen den einfachen Zukauf fertiger Bauteile und für den Aufbau eigener physischer Bestände entschieden. Dieser Weg reduziert die externen Abhängigkeiten massiv, insbesondere da Palladium primär in Russland und Platin sowie Rhodium in Südafrika gefördert werden.

Die Treasury des Konzerns übernimmt dabei eine hybride Rolle, die über die klassische Absicherung von Währungs- und Zinsrisiken hinausgeht und die operative Verantwortung für die Materialverfügbarkeit einschließt. VW nutzt hierbei Synergien mit der bestehenden Handelsinfrastruktur, da Devisen- und Rohstoffgeschäfte oft mit ähnlichen Partnern abgewickelt werden können.

Die Beschaffungsstrategie ruht auf drei stabilen Säulen: Langfristige Lieferverträge sichern eine Grundversorgung, während am Terminmarkt über Forwards zusätzliche Mengen und Preise fixiert werden. Die verbleibenden Differenzmengen werden über monatliche Spot-Käufe gedeckt, um für jeden Produktionszyklus eine 100-prozentige Materialdeckung zu garantieren.

Im logistischen Prozess fungiert VW als sogenannter physischer Beisteller, der das Metall an externe Beschichtungsfirmen liefert, die damit keramische Monolithe veredeln. Diese werden anschließend an Abgasanlagenhersteller weitergereicht, bevor das fertige Bauteil schließlich bei den Konzernmarken wie Audi oder SEAT in die Fahrzeuge eingebaut wird.

Das Risikomanagement muss zudem ständig den technologischen Wandel, insbesondere den Hochlauf der E-Mobilität, antizipieren. Da reine Elektrofahrzeuge (BEVs) keine Edelmetalle mehr benötigen, hybride Fahrzeuge jedoch weiterhin Bedarf haben, muss VW die eigenen Entwicklungszyklen extrem eng begleiten, um Überkapazitäten im Bestand zu vermeiden.

Neben der physischen Menge ist die Preisgestaltung ein hochkomplexes Feld, bei dem VW oft opportunistisch agiert und Marktchancen über mehrere Jahre hinweg nutzt. Ein entscheidender strategischer Vorteil ist dabei, dass der Konzern konsequent in Euro statt in US-Dollar denkt und rechnet.

Durch die Ausnutzung von Zinsdifferenzialen kann VW den US-Dollar auf Termin oft günstiger einkaufen, was Edelmetall-Investments in Euro selbst dann attraktiv macht, wenn der reine Dollar-Preis stagniert. Diese tiefgreifende Verzahnung von Währungsstrategie und physischer Rohstoffsicherung ist das Rückgrat der Wolfsburger Stabilität in einem immer unvorhersehbareren Marktumfeld.

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Dr. Karsten Stroborn, Leitung Zentralbereich Märkte, Deutsche Bundesbank

Gold als Stabilitätsanker: Die Strategie der Bundesbank

In einem von Unsicherheit und Volatilität geprägten Marktumfeld bleibt Gold ein zentraler Pfeiler der deutschen Währungsreserven. Für die Bundesbank steht dabei nicht die kurzfristige Rendite, sondern die langfristige Stabilität im Vordergrund. Die aktuelle Strategie zeigt, welche Rolle das Edelmetall für Vertrauen, Krisensicherheit und geldpolitische Handlungsfähigkeit spielt.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten tausende schwere Goldbarren bis in den hintersten Winkel eines Hochsicherheitstresors auskehren, um sie anschließend wieder akribisch einzuräumen. Was Dr. Karsten Stroborn, Leiter des Zentralbereichs Märkte bei der Deutschen Bundesbank, als „physische Schwerstarbeit“ und eine zuweilen unangenehme Aufgabe für die Mitarbeiter der Partnernotenbanken in New York und London beschrieb, ist Teil eines legendären Inspektionsprozesses. Diese Transparenzoffensive dient einem höheren Zweck: dem unerschütterlichen Vertrauen in den deutschen Goldschatz.

In seiner Keynote „Der Blick der Bundesbank auf die Finanzmärkte und das Gold“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 gab Stroborn tiefe Einblicke in die Strategie der deutschen Währungsreservehüter. Er verdeutlichte, dass Gold in einer Welt voller geopolitischer Spannungen und ökonomischer Umbrüche weit mehr ist als nur ein wertvolles Metall – es ist der ultimative Stabilitätsanker der deutschen Volkswirtschaft.

Der heutige Tag an den Märkten sei ein „supersschönes Beispiel“ für die Sensibilität der Finanzwelt, so Stroborn. Allein die Nachricht über Gespräche zwischen dem Iran und den USA habe sofort heftige Reaktionen in allen Marktsegmenten ausgelöst. In einem solchen Umfeld hoher Unsicherheit, getrieben von den „6Ds“ wie Demografie, Dekarbonisierung und neuerdings verstärkt Verteidigung und Verschuldung, fungiert Gold als auffälliger Leuchtturm.

Doch Stroborn räumte auch mit gängigen Mustern auf: Gold ist aktuell nicht der klassische Inflationsschutz, den viele erwarten würden. Durch steigende Ölpreise und Leitzinserwartungen nehmen die Opportunitätskosten zu, was den Goldpreis unter Druck setzt. In Krisenmomenten beweist sich zudem oft der US-Dollar als der „sichere Hafen“ par excellence, was die Anlage in Gold kurzfristig weniger attraktiv macht.

Trotz dieser kurzfristigen Volatilität bleibt die strategische Bedeutung der Währungsreserven für die Bundesbank unverrückbar. Diese Reserven sind das essenzielle Instrument der Geldpolitik, dienen der Absicherung gegen wirtschaftliche Schocks und sichern die Zahlungsfähigkeit in Krisenzeiten. Dabei gilt eine klare Priorität: Sicherheit geht vor Liquidität, und erst an dritter Stelle steht die Nachhaltigkeit, die jedoch die ersten beiden Ziele niemals gefährden darf.

Ein Blick in die Bilanz der Bundesbank offenbart die gigantischen Dimensionen: Satte 82 % der deutschen Währungsreserven bestehen aus Gold. Dieser außergewöhnlich hohe Anteil ist historisch gewachsen, insbesondere durch Überschüsse aus der Europäischen Zahlungsunion und dem Goldpool des Bretton-Woods-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg. Gold ist somit nicht nur ein Vermögenswert, sondern ein Symbol für das Erstarken der wirtschaftlichen Kraft Deutschlands.

Mit exakt 3.350 Tonnen ist Deutschland der zweitgrößte Goldhalter der Welt, übertroffen nur von den USA. Der Gegenwert dieses Schatzes belief sich Ende 2025 auf knapp 400 Milliarden Euro. Um höchste Sicherheit und Handelbarkeit zu garantieren, ist das Gold an drei der liquidesten Handelsplätze der Welt gelagert: 51 % in Frankfurt, 37 % bei der Fed in New York und 12 % bei der Bank of England in London.

Stroborn trat in Frankfurt explizit den gelegentlich aufkommenden Zweifeln an der Verlässlichkeit internationaler Partner entgegen. „Wir haben eigentlich keinen Zweifel daran, dass die Fed New York ein vertrauenswürdiger, verlässlicher Partner darstellt“, betonte er unter Verweis auf das gemeinsame Mindset der Zentralbanker weltweit, die sich alle dem Ziel der Preisstabilität verschrieben haben.

Interessant für die Branche war sein klarer Standpunkt zum Thema Goldleihe. Während andere Notenbanken versuchen, durch Leihgeschäfte Erträge zu erzielen, ist die Bundesbank bereits während der Finanzkriese 2009 aus diesem Segment ausgestiegen. Der Grund ist die strikte Risikoaversion: „Adressausfallrisiken können wir nicht leiden“, stellte Stroborn unmissverständlich klar.

Gold wird bei der Bundesbank oft als das „Tafelsilber“ der Volkswirtschaft bezeichnet. Es trägt maßgeblich zur Festigung des Vertrauens bei und bildet einen wichtigen Beitrag zum Eigenkapital durch die sogenannten Neubewertungsreserven. Auch wenn die hohen Schwankungen – zu Beginn des Jahres 2026 lag die Volatilität bei über 44 % – eine Herausforderung darstellen, sitzt die Bundesbank diese buchhalterisch aus.

Begehrlichkeiten aus Politik oder Gesellschaft, den Goldschatz zur Schuldentilgung oder für Investitionen zu nutzen, erteilte Stroborn eine Absage. Die Bundesbank verstehe sich als traditionsbewusstes Haus, das diese Bestände langfristig verantwortet. Historisch betrachtet hätte man sich in der Vergangenheit jedes Mal geärgert, wenn man Gold verkauft hätte, da der Preis und die Bedeutung des Metalls über die Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen sind.

In einer Welt, die laut Stroborn leider nicht von zunehmender Sicherheit geprägt ist, bleibt Gold der „stabile Anker“ für die Zukunft. Es ist nicht nur ein Relikt der Geschichte, sondern spielt für sich selbst eine entscheidende Rolle. Sein Fazit für das Frankfurter Publikum: Auch wenn wir derzeit phasenweise „im Dunkeln tappen“, bleibt Gold das Fundament, auf dem das Vertrauen in die gemeinsame Währung ruht.

Biografie: Dr. Karsten Stroborn ist Leiter des Zentralbereichs Märkte (Director General Markets) der Deutsche Bundesbank. Der promovierte Volkswirt studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Nantes sowie Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Karlsruhe (TH). Seit seiner Promotion zu Fragen der Sicherheit elektronischer Bezahlsysteme ist er in verschiedenen Funktionen im Zentralbereich Märkte der Bundesbank tätig, unter anderem im Reservemanagement sowie bei der Umsetzung geldpolitischer Operationen. Seit 2014 gehört er dem Market Operations Committee des Eurosystems an und ist Mitglied des Vorstands der Allied European Financial Markets Association (AEFMA). Seit April 2023 leitet er das Generaldirektorat Märkte der Deutschen Bundesbank.

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Peter Tallman, CEO, Klondike Gold Corp.

Rohstoffschatz Yukon: Warum Kanadas Norden wieder in den Fokus rückt

Während traditionelle Förderregionen zunehmend erschöpft sind, rücken bislang wenig erschlossene Gebiete wieder in den Fokus der Rohstoffindustrie. Der kanadische Yukon gilt dabei als eine der letzten großen Reserven mit erheblichem Potenzial für Gold und Industriemetalle. Neue geologische Ansätze und verbesserte Infrastruktur könnten die Region zu einem wichtigen Baustein der künftigen Rohstoffversorgung machen.

Wenn eine Bohrmannschaft mitten in der Wildnis des kanadischen Yukon mitten in der Nacht eine Pizza bestellt und diese tatsächlich bis zum Bohrgerät geliefert bekommt, dann klingt das zunächst nach einem bizarren Werbegag für einen Lieferservice. Doch für Peter Tallman, CEO der Klondike Gold Corp., ist diese Anekdote der schlagende Beweis für einen entscheidenden Standortvorteil: Entgegen dem Mythos von der unerreichbaren Wildnis operiert sein Unternehmen in einem Gebiet, das trotz seines immensen Rohstoffpotenzials über eine erstklassige Infrastruktur verfügt.

In seinem Vortrag „Earth Mining – Gibt es genug neue Edelmetalle für die Pipeline? Ein Beispiel aus Kanada“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 verdeutlichte Tallman, dass der Yukon eine der letzten großen, nahezu unberührten Schatzkammern der Erde ist. Während Europa und insbesondere Deutschland seit der Römerzeit intensiv exploriert wurden und kaum noch Überraschungen bieten, steht die moderne Rohstoffsuche im hohen Norden Kanadas erst am Anfang.

Der Kontrast zwischen den Regionen könnte kaum schärfer sein: In der kanadischen Provinz Yukon kommt auf zehn Quadratkilometer Land gerade einmal ein einziger Mensch. Diese extrem niedrige Bevölkerungsdichte in einem Gebiet von fast einer halben Million Quadratkilometern bietet laut Tallman einen idealen Freiraum für die industrielle Erschließung von Bodenschätzen, der in dicht besiedelten Gebieten wie Mitteleuropa heute undenkbar wäre.

Klondike Gold hat sich dabei die Rechte an dem geschichtsträchtigen Kernland des großen Goldrauschs von 1896 gesichert. Doch im Gegensatz zu den Glücksrittern von damals, die mit Pfannen Gold aus den Flussbetten wuschen, konzentriert sich Tallman auf das „Muttergestein“ (Bedrock). Das Potenzial ist gewaltig: In den letzten drei bis fünf Jahren wurden im Yukon bereits zehn Projekte identifiziert, die zusammen über 50 Millionen Unzen Gold beherbergen, die bisher noch gar nicht gefördert wurden.

Neben Gold verfügt die Region über massive Vorkommen an Kupfer und Zink. Tallman verwies auf drei Projekte im Yukon, die allein 11 Milliarden Pfund Kupfer enthalten – eines davon zählt zu den zehn größten unerschlossenen Kupferressourcen der Welt. Da die Welt für die globale Elektrifizierung enorme Mengen an Kupfer benötigt, ist Tallman überzeugt, dass diese Projekte trotz der notwendigen Investitionen in Straßen unweigerlich entwickelt werden.

Ein Rätsel für den Experten bleibt die bisherige Zurückhaltung der Finanzmärkte gegenüber dem Yukon. Während 22 Bankanalysten Alaska beobachten und 70 Experten den benachbarten Norden von British Columbia unter die Lupe nehmen, kümmert sich um den geologisch identischen Yukon nur ein einziger Analyst. Diese Ignoranz der Märkte hat laut Tallman dazu geführt, dass man im Yukon heute noch Weltklasse-Gürtel finden kann, die anderswo längst abgesteckt wären.

Die Geschichte von Dawson City illustriert den Wandel der Region: Um 1900 war die Stadt mit 60.000 Einwohnern die Hauptstadt des Territoriums und größer als Vancouver zu jener Zeit. Heute ist Dawson City ein funktionierendes historisches Denkmal mit knapp 2.000 Einwohnern, in dem man noch immer im Flair der Goldrausch-Ära lebt. Für Klondike Gold ist es jedoch vor allem ein operativer Stützpunkt, der nur zwei Kilometer vom nächsten Flughafen und direkt am Klondike Highway liegt.

Geologisch verfolgt Tallman eine Theorie, die den Klondike mit dem berühmten California Motherlode in Verbindung bringt. Da beide Regionen vor Jahrmillionen an der gleichen Plattenkante lagen, müsste das Verhältnis zwischen dem Gold in den Sedimenten (Plaster Gold) und dem Gold im Festgestein ähnlich sein. Da man an der Oberfläche bereits 20 Millionen Unzen Gold gefunden hat, lässt dies auf gewaltige Mengen im Untergrund schließen, die bisher schlichtweg übersehen wurden.

Tallman konnte diesen Beweis bereits erbringen: Schon mit seinem siebten Bohrloch stieß er auf zentimetergroße Goldklumpen direkt im Festgestein. Er nutzt dabei eine neue wissenschaftliche Theorie, nach der Goldnuggets durch Erdbeben in Verwerfungszonen entstehen (nukleieren). Klondike Gold kontrolliert heute das gesamte Gebiet entlang dieser entscheidenden geologischen Störungszonen auf einer Fläche von über 700 Quadratkilometern.

Die wirtschaftliche Attraktivität des Projekts wird durch die einfache Gewinnung gesteigert. Das Gold im Klondike kann rein durch Schwerkraft (Gravity Recovery) vom Gestein getrennt werden. Es werden keine Chemikalien oder Zyanidbenötigt, was die Produktion nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch deutlich kostengünstiger macht als bei herkömmlichen Goldminen.

Finanziell steht das Unternehmen auf einem soliden Fundament, da es durch Milliardäre wie Frank Giustra und Eric Sprott unterstützt wird. Zudem generiert Klondike Gold bereits eigene Einnahmen durch die Verpachtung von Plaster-Gold-Vorkommen auf dem eigenen Gelände, was in diesem Sommer mindestens zwei Millionen Dollar in die Kassen spülen soll. Dies ermöglicht es dem Unternehmen, die Exploration ohne ständigen Druck durch Kapitalerhöhungen voranzutreiben.

Abschließend richtete Tallman einen Appell an die europäischen Investoren, die Rohstoffvorteile Kanadas stärker zu nutzen. Mit einer aktuellen Ressource von rund 580.000 Unzen Gold und dem Ziel, diese bis Ende des Jahres auf zwei Millionen Unzen zu steigern, sieht er Klondike Gold an der Schwelle zu einer massiven Neubewertung. In einer Welt mit steigenden Edelmetallpreisen könnte die vergessene Schatzkammer des Yukon so zur Pipeline für den Rohstoffbedarf der Zukunft werden.

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York A. Tetzlaff – Geschäftsführer, Fachvereinigung Edelmetalle

Leihzinsen, Volatilität, Regulierung: Die neue Realität der Edelmetallbranche

Die Edelmetallindustrie steht vor tiefgreifenden Veränderungen: Steigende Finanzierungskosten, volatile Märkte und geopolitische Unsicherheiten erhöhen den Druck auf die gesamte Wertschöpfungskette. Gleichzeitig gewinnen strategische Rohstoffe und Recyclingprozesse zunehmend an Bedeutung für die technologische und wirtschaftliche Zukunft Europas.

Wenn die Kosten für das bloße Ausleihen eines Rohstoffs plötzlich die Marke von 100 Prozent überschreiten, gerät selbst eine traditionsreiche Branche ins Wanken. Im Sommer 2025 erlebte die Edelmetallindustrie genau diesen Schock: Während die Leihzinsen normalerweise im einstelligen Bereich liegen, schossen sie aufgrund von Marktverwerfungen und Zollstreitigkeiten in astronomische Höhen – ein enormes finanzielles Risiko für eine Branche, die extrem kapitalintensiv arbeitet und ihre Bestände oft über Kredite zwischenfinanzieren muss.

In seinem Grußwort und Lagebericht zur Edelmetallindustrie in Deutschland und Europa beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 analysierte York A. Tetzlaff, Geschäftsführer der Fachvereinigung Edelmetalle, dieses Spannungsfeld. Unter dem Titel „Zwischen Transformation und strategischer Relevanz“ verdeutlichte er, dass die Branche trotz ihrer überschaubaren Größe von rund 7.000 Beschäftigten eine Schlüsselrolle für die technologische Zukunft des Kontinents einnimmt.

Das Herz dieser Industrie schlägt in Deutschland vor allem in zwei Zentren, den sogenannten „Precious Metals Hubs“: Pforzheim und Hanau. Während Pforzheim nach wie vor bis zu 80 Prozent der deutschen Schmuck- und Uhrenproduktion stemmt, ist der Standort Hanau durch global agierende Industriekonzerne geprägt. Beide verbindet eine jahrhundertealte Tradition der Scheideanstalten, die heute in modernen, geschlossenen Kreisläufen, dem sogenannten „Close Loop“, operieren.

Tetzlaff betonte, dass Edelmetalle längst nicht mehr nur als Krisenwährung für den Tresor relevant sind. Besonders Silber und die Metalle der Platingruppe bilden das Rückgrat für Megatrends wie Digitalisierung und die Energiewende. Da die „Zukunft elektrisch“ ist, sind diese Rohstoffe für Photovoltaik, moderne Elektronik und neue Antriebstechnologien schlichtweg unverzichtbar.

Das wirtschaftliche Umfeld ist jedoch seit der Pandemie von massiven geopolitischen Unsicherheiten geprägt. Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten erzeugen Wechselwirkungen, die zu unsicheren Lieferketten führen, wie man sie in dieser Form früher nicht kannte. Für die Unternehmen bedeutet dies eine ständige Anpassung an volatile Rohstoffmärkte und unvorhersehbare Preistreiber.

Besonders kritisch bewertete der Verbandschef die finanzielle Belastung durch die gestiegenen Zinsen und Energiekosten. Da Edelmetalle aufgrund ihres hohen Wertes nicht unbegrenzt auf Vorrat gehalten werden können, ist die Industrie auf funktionierende Leihmärkte angewiesen. Die Preisexplosion bei den Leihzinsen im Jahr 2025 hat gezeigt, wie verwundbar die Wertschöpfungskette gegenüber externen Schocks ist.

In diesem stürmischen Umfeld identifizierte Tetzlaff das Recycling als die eigentliche DNA der Branche. Es ist weit mehr als eine ökologische Notwendigkeit – es ist ein strategischer Stabilitätsanker. Die Rückgewinnung von Feinmetallen aus Altschmuck oder industriellen Abfällen sichert die Rohstoffversorgung unabhängig von globalen Minenimporten.

Die ökologischen Vorteile dieses Kreislaufs sind laut Tetzlaff gewaltig. Ein Gutachten der Hochschule Pforzheim belegt, dass der CO2-Fußabdruck bei der Gewinnung von Recycling-Gold um bis zu 99 Prozent geringer ist als bei Primärmaterial aus dem Bergbau. Damit positioniert sich die Branche als Vorreiter für eine nachhaltige Rohstoffwirtschaft, die den Anforderungen moderner Industriekunden gerecht wird.

Dass die deutsche Industrie auch technologisch führt, illustrierte Tetzlaff am Beispiel von Heraeus. Das Unternehmen nahm im Sommer 2025 den weltweit ersten elektronisch betriebenen Trommelofen in Betrieb, um den eigenen CO2-Fußabdruck massiv zu senken. Solche Innovationen zeigen, dass die Dekarbonisierung auch in energieintensiven Sektoren der Metallverarbeitung machbar ist.

Dennoch bewegen sich die Märkte derzeit in einem Paradoxon zwischen Boom und Engpass. Die hohen Edelmetallpreise haben dazu geführt, dass enorme Mengen an Altmaterial in die Scheideanstalten fließen, was die Kapazitäten an ihre Grenzen bringt. Gleichzeitig verhindern die hohen Finanzierungskosten, dass das gewonnene Metall immer sofort in der gewünschten Geschwindigkeit am Markt verfügbar ist.

Kritik übte Tetzlaff an der zunehmenden bürokratischen Last in Deutschland. Besonders die quälend langen Genehmigungsverfahren für neue Anlagen und Öfen bremsen die Transformation aus. Hier müsse die Verwaltung deutlich effizienter werden, um im globalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren, da administrative Hürden oft schwerer wiegen als technologische Herausforderungen.

Zum Abschluss verwies der Geschäftsführer auf die Unsicherheiten durch zukünftige rechtliche Rahmenbedingungen wie die REACH-Revision auf EU-Ebene oder mögliche Änderungen bei der Umsatzsteuer. Trotz dieser regulatorischen Hürden bleibe Vertrauen die „Grundessenz“ des Geschäfts. Die deutsche Edelmetallindustrie sei durch ihre Diversifizierung und technologische Stärke gut gerüstet, um die Kreislaufwirtschaft der Zukunft anzuführen.

Biografie: York A. Tetzlaff ist Managing Director/Geschäftsführer der Fachvereinigung Edelmetalle (FVEM) mit Sitz in der Goldstadt Pforzheim. Der Jurist und verfügt über Abschlüsse in Recht und Wirtschaft; zuvor war er in leitenden Funktionen in Brüssel für Verbände tätig. Er ist national und international bestens in der Edelmetallbranche vernetzt.

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Unsere Moderatorin

Jessica Schwarzer

Moderation und Gesprächsführung

Jessica Schwarzer (51) schreibt seit mehr als 25 Jahren über Geldanlage und Finanzen. Zehn Jahre lang arbeitete die gebürtige Düsseldorferin für das Handelsblatt, leitete das Ressort Finanzen bei Handelsblatt Online und war zuletzt Chefkorrespondentin. 2018 hat sie sich als Finanzjournalistin und Moderatorin selbstständig gemacht.

Diskussionen

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Volatile Märkte, volle Tresore: Warum der Edelmetallhandel unter Druck steht

Der Edelmetallhandel in der DACH-Region erlebt eine Phase außergewöhnlicher Dynamik. Massive Nachfrageschübe, steigende Absicherungskosten und strukturelle Engpässe in Produktion und Logistik setzen die Branche unter Druck. Gleichzeitig zeichnen sich bereits strategische Verschiebungen ab, die den Markt in den kommenden Jahren grundlegend verändern könnten.

Wenn ein Beratungsgespräch im Edelmetallhandel im Schnitt nur noch 2,3 Minuten dauert, ist das kein Zeichen für mangelnden Service, sondern für einen Markt im absoluten Ausnahmezustand. Walter Hell-Höflinger schilderte eindringlich, wie sein Personal in Wien während des massiven Ansturms zum Jahreswechsel 2025/2026 „Unmenschliches“ leisten musste, um die verdreifachten Kundenzahlen überhaupt noch bewältigen zu können.

In der Podiumsdiskussion „Aktuelle Lage im Edelmetallhandel in der DACH-Region“ beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 analysierte Moderator Wolfgang Wrzesniok-Roßbach gemeinsam mit Michael Eubel (BayernLB), Walter Hell-Höflinger (Gold & Co GmbH) und Önder Ciftci (Ophirum GmbH) eine Branche, der es seit der Pandemie niemals langweilig geworden ist. Die Experten blickten auf 15 Monate zurück, die von extremen Gegensätzen geprägt waren – von totaler Flaute bis hin zu Phasen, in denen die Händler förmlich überrannt wurden.

Besonders die Psychologie der Anleger sorgt für eine konstante Dynamik: Laut Hell-Höflinger werden die Kunden primär von Gier oder Angst getrieben. Paradoxerweise drängen viele Privatleute erst dann zum Kauf, wenn die Kurse bereits steil steigen, während sie bei fallenden Notierungen eher verkaufen wollen – ein Verhalten, das dem Image der Goldanlage als langfristiger Stabilitätsanker oft entgegensteht.

Auch für die Banken hat sich das Geschäft fundamental gewandelt. Während viele Institute um das Jahr 2000 herum ihre Goldschalter schlossen und wertvolles Know-how verloren ging, ist das Interesse spätestens seit der Lehman-Pleite zurückgekehrt. Allerdings agieren die meisten der heute rund 190 von der BayernLB betreuten Sparkassen nicht mehr im Eigenhandel, sondern setzen auf Full-Service-Modelle, bei denen sie das Risiko und die Logistik an spezialisierte Großhändler auslagern.

Der deutsche Markt nimmt dabei eine Sonderrolle ein: Er ist so riesig, dass sowohl Banken als auch der privatwirtschaftliche Handel nebeneinander florieren können, während sich in Ländern wie den Benelux-Staaten oder Dänemark kaum noch eine Bank mit physischen Edelmetallen beschäftigt. In Deutschland müssen die Großhändler wie die BayernLB jedoch massiv in die Wissensvermittlung investieren, damit die Berater vor Ort die Kundenwünsche rudimentär bedienen können.

Ein zentrales Thema der Runde war die Steuerung von Preisrisiken. Während ein Filialnetz wie das von Ophirum mit über 50 Standorten durch den bidirektionalen Handel – also das zeitgleiche An- und Verkaufen – ein natürliches Hedging betreibt, ist die Situation für eine Staatsbank wie die BayernLB eine andere. Mit einem kundeninduzierten Flow-Buch von fast einer Milliarde Euro ist die Bank gezwungen, jede Position zu 100 % abzusichern, um trotz volatiler Märkte „ruhig schlafen zu können“.

Diese Absicherung ist jedoch teurer geworden: Seit Donald Trump wieder an der Macht ist, sind die Sätze für Swaps und Leihraten irrationalen Sprüngen unterworfen. Besonders bei Silber führen diese hohen Heding-Kosten dazu, dass die Preise für physisches Material teilweise 10 bis 18 % über dem Spot-Preis liegen, da die Banken diese massiven Aufschläge an die Endinvestoren weitergeben müssen.

Die Verfügbarkeit von Barren und Münzen bleibt ein Nadelöhr. Die Scheideanstalten in Hanau oder Pforzheim können nicht beliebig nach vorne investieren, da der Aufbau neuer Produktionsstraßen Millionen kostet und Jahre dauert. Walter Hell-Höflinger, der selbst aus einem Produktionsbetrieb stammt, wies zudem auf kuriose Engpässe hin: Oft scheitert die Auslieferung nicht am Gold selbst, sondern an den fehlenden Plastikverpackungen, die im Prozess einen massiven Flaschenhals bilden.

In Sachen Logistik steht der Branche eine Zerreißprobe bevor. Die Abhängigkeit von externen Wertlogistikern ist eine Schwachstelle, da die Zustellung an Privatkunden immer teurer und unzuverlässiger wird. Önder Ciftci prognostiziert eine Abkehr von der Haustür-Zustellung: Angesichts von Versandkosten, die bald 35 Euro erreichen könnten, wird die Abholung in der Filiale zum entscheidenden strategischen Wettbewerbsvorteil.

Der Markt steuert laut Ciftci auf eine Konsolidierung zu. Er unterscheidet strikt zwischen hochprofessionalisierten Händlern und „Hobbyisten“, die den steigenden Druck auf der Logistik- und Finanzierungsseite künftig kaum noch standhalten können. Wer die Logistik nicht selbst kontrolliert, wird es in den nächsten 18 Monaten schwer haben, profitabel zu bleiben.

Ein interessanter Wachstumsmarkt ist der Südosten Europas. Wien fungiert hierbei als Tor zum Balkan, wo Gold aufgrund historischer Erfahrungen mit dem Kommunismus tief im Wertesystem der Menschen verwurzelt ist. Während man den Westeuropäern das Goldsparen erst mühsam wieder beibringen musste, wissen die Menschen dort instinktiv, warum sie physische Vorsorge treffen – oft jenseits staatlicher Strukturen im „wilden Westen“ der dortigen Märkte.

Abschließend richtete sich der Blick auf den Juni 2027, wenn europaweit neue Anonymitätsgrenzen für Bargeldgeschäfte greifen sollen. Hell-Höflinger erwartet im Vorfeld dieser Regulierung einen gewaltigen Ansturm auf die Lagerbestände. Seine Strategie für die kommenden 18 Monate ist daher klar: Die Autonomie in IT und Logistik stärken und die Tresore füllen, bevor die staatlichen Schranken das Geschäft weiter erschweren.

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Zwischen Rebalancing und Krisenvorsorge: Die neue Rolle von Gold im Portfolio

Extreme Preisschwankungen, geopolitische Unsicherheit und strukturelle Marktveränderungen stellen institutionelle Investoren vor neue Herausforderungen. Während kurzfristige Volatilität zum Alltag geworden ist, gewinnt Gold als strategischer Stabilitätsanker weiter an Bedeutung – insbesondere in physischer Form und mit wachsendem Fokus auf Herkunft und Verwahrung.

Wer am Morgen des Konferenztages auf sein Smartphone blickte, traute seinen Augen kaum: Hatte das Display um Mitternacht noch ein sattes Plus von 40 Dollar angezeigt, stand dort plötzlich ein Minus von 400 Dollar. Moderator Wolfgang Wrzesniok-Roßbach klopfte scherzhaft auf sein Handy in der Hoffnung, es sei nur ein Defekt – doch die dramatische Volatilität war bittere Realität und bildete den perfekten, wenn auch nervenaufreibenden Rahmen für die Expertenrunde.

Unter dem Titel „Investment in Gold und andere Sachwerte für institutionelle Investoren“ diskutierten Branchenkenner beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 über Strategien in stürmischen Zeiten. Auf dem Podium saßen Dierk Schaffer (Boerse Stuttgart Commodities), Constantin Prinz zu Salm-Salm (Salm-Salm Vermögensverwaltung), Daniel Wolfraum (LGT, Vaduz) und Sven Kuhlbrodt (Baker Steel Capital Managers), um die Rollenverteilung von physischem Metall, Minenaktien und digitalen Verbriefungen neu zu bewerten.

Die erste Erkenntnis des Panels: Man gewöhnt sich an den Wahnsinn. Daniel Wolfraum von der LGT betonte, dass die extreme Volatilität zwar die „neue Normalität“ sei, die Kunden im Wealth Management jedoch grundsätzlich langfristig denken – oft über Jahrzehnte oder gar Generationen hinweg. Gold fungiere hier weniger als Spekulationsobjekt, sondern als stabiles Fundament, das man in Ruhe lässt, während die täglichen Preissprünge eher ein Thema für Trader bleiben.

Interessanterweise zeigt sich der deutsche Privatanleger in solchen Krisenmomenten oft abgeklärter als vermutet. Dierk Schaffer berichtete von einem „kleinen Blutbad“ am Markt, bei dem jedoch 85 % der Orders an der Börse Stuttgart Käufe waren. Anstatt in Panik zu verfallen, nutzten die Anleger die Kursschwäche gezielt zum Nachkaufen – ein Zeichen für die hohe „Gold-Intelligenz“ im DACH-Raum, die auch institutionelle Investoren zunehmend unter Zugzwang setzt.

Für Profi-Anleger ist das Management der Goldquote dennoch eine mathematische Herausforderung. Wenn der Goldpreis massiv steigt, wird die Position im Portfolio so groß, dass sie durch „Rebalancing“ wieder gestutzt werden muss – Sven Kuhlbrodt nannte es bildhaft, das Gold „zum Friseur zu schicken“. Trotz der aktuellen Korrektur bleiben viele Häuser optimistisch: Baker Steel etwa erhöht die Quote für Edelmetallaktien in diversifizierten Strategien derzeit sogar auf bis zu 50 %.

Ein markanter Trend zeichnet sich bei der Form des Besitzes ab. Wolfraum beobachtet im Private Banking einen starken Wandel weg von „Papiergold“ hin zu physischer Ware, die man im Zweifel auch anfassen kann. Die Kunden wollen heute genau wissen, woher ihre Barren kommen und wo sie liegen. Diese Sehnsucht nach Haptik und Herkunftsnachweisen führt dazu, dass die Nachfrage nach physischem Gold in der Schweiz und in Liechtenstein so hoch ist wie selten zuvor.

Constantin Prinz zu Salm-Salm unterschied in der Diskussion scharf zwischen unternehmerischen Beteiligungen und der absoluten Krisenvorsorge. Während Aktien von Unternehmen wie Newmont Mining aktiv gehandelt werden, da sich Firmen ständig neu erfinden müssen, gilt für physisches Gold dasselbe wie für den Familienforst: „Kaufen, vergessen und nicht jeden Tag bewerten“. Beides seien Anker für die übernächste Generation, die man nicht an Euro-Kursen misst.

Das Thema Nachhaltigkeit (ESG) spielt dabei eine ambivalente Rolle. Salm-Salm betonte, dass man es der „Schöpfung schuldig“ sei, auf die Herkunft zu achten, auch wenn das Kundeninteresse daran aktuell aufgrund der geopolitischen Krisen etwas abnehme. Dierk Schaffer ergänzte, dass Produkte mit lückenlosem Herkunftsnachweis („Provenance Gold“) zwar noch ein Nischenmarkt seien, aber durch Blockchain-Technologie und Barren-Tracking technisch endlich seriös umsetzbar werden.

Dabei sind institutionelle Investoren oft pragmatischer als Idealisten: Die Mehrheit entscheidet in Europa nach wie vor primär über den Preis. Ein Aufpreis für „grünes Gold“ von 40 bis 50 Basispunkten muss gut erklärt werden. Dennoch gehen Profis heute viel tiefer in die Analyse der Lieferketten als noch vor fünf Jahren und fordern beispielsweise „geofrensische Passports“ oder künstliche DNA-Markierungen für ihr Metall.

Auch die Geografie der Verwahrung wurde hitzig debattiert. Während London für den strategischen Handel aufgrund der Liquidität unschlagbar bleibt, wandert das langfristige Vermögen bevorzugt in Tressore in Deutschland, der Schweiz oder Liechtenstein. Anfragen nach exotischen Lagerorten wie Kanada oder Neuseeland gibt es zwar, doch meist siegt am Ende die Logik der schnellen Verfügbarkeit in politisch stabilen, heimischen Häfen.

Doch wie gewinnt man in diesem exklusiven Markt neue Mandate? Das klassische Marketing stößt hier an Grenzen. Sven Kuhlbrodt setzt auf einen Mix aus Roadshows, Social Media und tiefgehenden Marktkommentaren, die „Insights“ statt Eigenlob bieten. Salm-Salm hingegen vertraut zu 75 % auf Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb wohlhabender Familien – in einer Nische, in der Vertrauen wertvoller ist als jede Hochglanzbroschüre.

Das Fazit der Runde war eindeutig: Gold und andere Sachwerte sind keine Rendite-Wunderwaffen für das nächste Quartal, sondern die Versicherungspolice für das nächste Jahrzehnt. In einer Welt der „Stagflation 2026“, geprägt von Kriegen und Schuldenbergen, bleibt der reale Besitz von Metall und Grundboden der einzige Weg, um das Vermögen real durch den „perfekten Sturm“ zu steuern.

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Silber und die Platinmetalle im Fokus: Chancen und Risiken jenseits des Goldmarkts

Abseits des dominierenden Goldmarktes gewinnen Silber und Platinmetalle zunehmend an Bedeutung – getrieben von Energiewende, technologischer Transformation und strukturellen Angebotsrisiken. Gleichzeitig bleiben Marktmechanismen, Liquidität und steuerliche Rahmenbedingungen entscheidende Faktoren für Investoren, die sich in diesem komplexen Segment positionieren wollen.

Die Weltvorräte seltener Metalle wie Iridium oder Ruthenium sind so gering, dass die gesamte Jahresproduktion theoretisch in einen einzigen großen Reisekoffer passen würde. Während Gold in tausenden Tonnen gemessen wird, ist die Welt der „kleinen“ Platinmetalle so winzig, dass bereits minimale Nachfrageverschiebungen ausreichen, um den Markt in extreme Volatilität zu stürzen.

Unter dem Titel „Silber und Platinmetalle als Investmentalternative“ diskutierten Experten wie Philipp Goetzl-Mamba (Tradium), Tim Schieferstein (Solit Management), Dominik Sperzel (Heraeus) und Martin Grollimund(Raiffeisen Schweiz) beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 über die Chancen abseits des Gold-Mainstreams. Moderator Wolfgang Wrzesniok-Roßbach leitete die Runde, die beleuchtete, warum die „weißen Metalle“ oft zu Unrecht im Schatten ihres großen gelben Bruders stehen.

Ein zentraler Treiber für Silber ist die globale Energiewende, insbesondere die Photovoltaik. Eine spontane Umfrage im Frankfurter Publikum verdeutlichte das Potenzial: Nur etwa 15 Prozent der Teilnehmer gaben an, bereits eine PV-Anlage auf dem Dach zu haben. Da Silber aufgrund seiner exzellenten Leitfähigkeit in fast jedem Solarmodul unverzichtbar ist, wird hier in den kommenden Jahren mit einer massiven, strukturell bedingten Nachfrage gerechnet.

Auch die Automobilindustrie stützt den Silbermarkt, da ein modernes Elektroauto etwa zwei Unzen des Metalls benötigt – was ungefähr der doppelten Menge eines herkömmlichen Verbrenners entspricht. Während diese Entwicklung für Silber ein Segen ist, stellt sie für Platin und Palladium eine existenzielle Bedrohung dar, da deren Hauptabsatzmarkt bisher in den Abgaskatalysatoren klassischer Motoren liegt.

In der Schweiz zeigt sich bei der Nachfrage ein deutlich dynamischeres Bild als in Deutschland. Martin Grollimund berichtete von einem regelrechten Run auf Silber und Platin, sobald diese Metalle in den Medien thematisiert wurden. Ein entscheidender Standortvorteil ist dort der Mehrwertsteuersatz von lediglich 8,1 Prozent, der Investitionen in physische Barren im Vergleich zu den deutschen 19 Prozent erheblich attraktiver macht.

Im deutschen Edelmetallhandel hingegen dominiert Gold mit schätzungsweise 70 bis 80 Prozent des Umsatzes, während Platin und Palladium oft nur bei einem mageren Prozent herumdümpeln. Tim Schieferstein führt dies nicht nur auf die steuerliche Belastung zurück, sondern auch auf die teilweise schwierige Verfügbarkeit und die im Vergleich zum Gold weniger bekannten Investment-Storys der weißen Metalle.

Philipp Goetzl-Mamba von Tradium wies auf ein strukturelles Problem der Branche hin: Bei einer hohen Gesamtnachfrage priorisieren viele Scheideanstalten fast ausschließlich die Goldbarren-Produktion für den Inlandsmarkt. Um Liquiditätsengpässe und lange Lieferzeiten zu umgehen, lagert Tradium für seine Kunden oft industrielle Rohstoffe wie Platinschwamm in Zollfreilagern ein, was deutlich engere Preisspannen als bei klassischen Barren ermöglicht.

Besonders brisant ist die Lage bei den sogenannten „kleinen“ Platinmetallen. Da es keine reinen Iridium- oder Ruthenium-Minen gibt, fallen diese Metalle lediglich als wertvolle Beiprodukte der Platinförderung an. Sollte die Platinförderung aufgrund sinkender Nachfrage aus der Autoindustrie künftig gedrosselt werden, würde das Angebot dieser Industriemetalle automatisch mit einbrechen – eine Verknappung, die Anlegern enorme Chancen, aber auch Risiken bietet.

Trotz der Seltenheit warnte Schieferstein jedoch vor Experimenten mit physischen Barren dieser Nischenmetalle im privaten Tresor. Der Markt sei weniger reguliert und die Liquidität im Krisenfall oft ein Problem. Was im Verkauf schnell geht, wird von Händlern im Ankauf oft nur zögerlich angenommen, weshalb solche Investments eher in den Händen professioneller oder sehr geduldiger Anleger liegen sollten.

Ein politisch heiß diskutiertes Instrument zur Förderung dieser Anlagen ist das Zollfreilager. Während Länder wie Südkorea oder Japan Milliarden in den Aufbau strategischer Rohstoffreserven investieren, gibt es in der deutschen Politik Bestrebungen, die steuerlichen Vorteile solcher Lager für Privatinvestoren einzuschränken. Die Experten plädierten stattdessen dafür, die Chance zu nutzen, den Aufbau nationaler Reserven auf private Schultern zu verlagern.

Technologische Lösungen wie digitale Apps versuchen heute, den Zugang zu diesen Märkten zu demokratisieren. Über Plattformen wie „Flexgold“ können Anleger physisch hinterlegte Metalle in der Schweiz kaufen und dort sicher lagern. Dies ermöglicht es, die deutsche Mehrwertsteuer legal zu sparen und gleichzeitig von der hohen Granularität digitaler Käufe zu profitieren, bei denen auch Kleinstmengen problemlos handelbar sind.

In der abschließenden Expertenrunde setzten die Diskutanten mit einer knappen Mehrheit von 3 zu 2 Stimmen auf Platin als den künftigen Favoriten gegenüber Silber. Während die Platin-Befürworter den massiven Kursabschlag zum Gold und die faszinierende Haptik des Metalls betonten, blieb die Gegenseite dabei: Die unaufhaltsame Elektrifizierung der Welt macht Silber zum wichtigsten „Arbeitstier“ unter den Edelmetallen.

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Geschlossene Kreisläufe, offene Fragen: Die Zukunft des Recyclings in Deutschland

Das Edelmetall-Recycling gilt als eine der großen industriellen Stärken Deutschlands und spielt eine zentrale Rolle für Rohstoffsicherheit und Dekarbonisierung. Doch steigende Rücklaufmengen, hoher Kapitalbedarf und begrenzte Kapazitäten stellen die Branche vor neue Herausforderungen. Die aktuelle Marktdynamik zeigt, wie eng wirtschaftlicher Erfolg und strukturelle Belastungen miteinander verknüpft sind.

In der Podiumsdiskussion des zweiten ZukunftsForums Edelmetalle im März 2026 unter dem Titel „Deutschland, im Recycling eine globale Erfolgsgeschichte“ verdeutlichte Moderator York Tetzlaff, dass das Recycling nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern die eigentliche DNA der deutschen Edelmetallindustrie ist. Er betonte, dass die Branche durch jahrhundertelange Tradition gelernt hat, in geschlossenen Kreisläufen, dem sogenannten „Close Loop“, zu operieren und damit heute eine weltweite Vorreiterrolle einnimmt.

 

Marc Springstein, Geschäftsführer der Bedra GmbH, stellte sein Unternehmen als spezialisierten Großhändler vor, der die gesamte Palette vom Recycling über Halbzeuge bis hin zu Investmentprodukten abdeckt. Für seine Kunden aus dem Bereich der Goldschmiede und des Goldankaufs seien vor allem Transparenz, Schnelligkeit und Liquidität („Cash is King“) die entscheidenden Erfolgsfaktoren im täglichen Geschäft.

 

Für die Saxonia-Gruppe erläuterte Geschäftsführer Dirk Hadlich, dass sein Haus zweigleisig aufgestellt ist: Auf der einen Seite steht die Rückgewinnung von Gold, Silber und strategischen Metallen wie Platin, Palladium und Iridium. Auf der anderen Seite nutzt das Unternehmen diese recycelten Metalle direkt wieder für die Fertigung neuer Industrieprodukte, womit der Kreislauf im eigenen Haus geschlossen wird.

 

Thorsten Schlindwein, Vertriebsleiter der C.Hafner GmbH & Co. KG, hob die Bedeutung von Familienunternehmen in dieser Branche hervor, die wie sein Haus seit 175 Jahren auf die Aufarbeitung von Gold spezialisiert sind. Neben Gold verarbeitet C.Hafner auch Silber und Platingruppenmetalle zu Produkten wie Goldbarren, Dentalprodukten oder Halbzeugen für die Industrie.

 

Eine der auffälligsten Veränderungen der letzten Jahre ist laut Schlindwein der massive Anstieg der Rückläufer aus dem Investmentbereich. Während vor 15 Jahren kaum Barren oder Münzen den Weg zurück in die Scheideanstalten fanden, nutzen Anleger heute die hohen Kurse für Gewinnmitnahmen, was einen völlig neuen Stoffstrom für die Recycler generiert hat.

 

Auch Dirk Hadlich bestätigte diesen Trend und ergänzte, dass neben Gold und Silber vor allem die industriellen Stoffströme bei Platin und Palladium nach wie vor eine zentrale Rolle spielen. Die starken Preisbewegungen haben dazu geführt, dass die Nachfrage nach der Aufarbeitung dieser Metalle deutlich zugenommen hat, da Unternehmen ihre gebundenen Werte schneller wieder liquide machen wollen.

 

Die aktuelle Dynamik am Markt illustrierte Marc Springstein mit beeindruckenden Zahlen: Im Vergleich zum Vorjahresquartal verzeichnet Bedra bei Gold eine Volumensteigerung von 30 % und bei Silber sogar von 45 %. Diese Mengen führen dazu, dass viele Unternehmen der Branche derzeit massiv an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

 

Trotz des aktuellen Booms ist die Entscheidung für eine Kapazitätsausweitung laut Springstein eine schwierige unternehmerische Abwägung. Da die Mengen bei sinkenden Preisen auch schnell wieder abnehmen könnten, scheuen viele Firmen die hohen Investitionskosten für neue Gebäude oder Maschinen und versuchen stattdessen, die bestehenden Prozesse zu optimieren.

 

Ein kritisches Thema für alle Teilnehmer ist die Vorfinanzierung, da die Branche extrem kapitalintensiv arbeitet. Da Kunden oft sofort ausgezahlt werden wollen, noch bevor das Material final geschieden und verkauft ist, stoßen viele Händler und Scheideanstalten aufgrund der hohen Metallpreise an die Grenzen ihres Working Capitals.

 

Schlindwein wies darauf hin, dass Scheideanstalten im Ankaufsgeschäft oft unfreiwillig die Rolle von Bankenübernehmen, indem sie den Markt vorfinanzieren. Die größte Herausforderung im Jahr 2025 und Anfang 2026 war es, auf die extrem schnell steigenden Volumina und die damit verbundenen logistischen und finanziellen Anforderungen zeitnah zu reagieren.

 

York Tetzlaff ergänzte aus Sicht des Verbandes, dass das Recycling zudem ein entscheidender Faktor für die Dekarbonisierung ist. Ein Gutachten belegt, dass der CO2-Fußabdruck bei der Gewinnung von einem Kilogramm Recycling-Gold um bis zu 99 % geringer ist als bei Primärmaterial aus Minen, was die ökologische Überlegenheit des Standorts Deutschland unterstreicht.

 

Abschließend wurde deutlich, dass der deutsche Edelmetallmarkt zwar einerseits von einem extremen Wettbewerb und geringen Margen geprägt ist, andererseits aber durch seine technologische Stärke und die hohen regulatorischen Standards ein weltweit einzigartiges Maß an Vertrauen genießt. Dieses Vertrauen bleibt die Grundessenz, um die globale Erfolgsgeschichte des Recyclings auch in volatilen Zeiten fortzuschreiben.

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Zwischen USA und China: Der globale Kampf um strategische Rohstoffe

Rohstoffe entwickeln sich zunehmend zu einem zentralen Instrument geopolitischer Machtpolitik. Während große Akteure wie die USA und China strategisch und finanziell um den Zugang zu kritischen Ressourcen konkurrieren, gerät Europa – und insbesondere Deutschland – unter wachsenden Handlungsdruck. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass wirtschaftliche Sicherheit und Rohstoffversorgung untrennbar miteinander verbunden sind. 

 

In einer Zeit, in der Rohstoffe zunehmend als politische Waffen instrumentalisiert werden, markiert die globale Ressourcenpolitik einen tiefgreifenden Wendepunkt für die Edelmetallmärkte. Während der Fokus früher primär auf dem Öl lag, herrscht heute ein intensives Ringen um nahezu jeden strategischen Rohstoff vor. Die Experten Stefan Müller, Erik Kirschbaum und Dr. Christoph Hein analysierten in ihrer Podiumsdiskussion beim zweiten ZukunftsForum Edelmetalle im März 2026 diese neue Ära der geopolitischen Konfrontation.

 

Stefan Müller verdeutlichte, dass dieser moderne Krieg um Ressourcen nicht mit Soldaten, sondern mit dem Scheckheftgeführt wird. Wer am schnellsten Kapital bereitstellt, sichert sich den Zugriff auf die wenigen verfügbaren Projekte weltweit, die eine Unabhängigkeit von den Großmächten USA und China ermöglichen könnten. In Deutschland herrsche jedoch oft noch die Illusion vor, dass man diese strategischen Notwendigkeiten durch moralische Appelle oder langwierige Entscheidungsprozesse ersetzen könne.

 

Die bittere Realität vor Ort illustrierte Müller mit seinen Erfahrungen in Afrika und Brasilien: Wenn er bei Rohstoffprojekten auftauche, sei er meist der erste Deutsche, müsse aber feststellen, dass alle anderen Nationen bereits vor Ort waren und dieClaims abgesteckt haben. Während internationale Akteure mit massiven finanziellen Zusagen Fakten schaffen, agiert die Bundesrepublik häufig noch im Schneckentempo und verpasst so den Anschluss an die Rohstoffversorgung der Zukunft.

 

Ein paradoxes Element in diesem Gefüge ist die Rolle von Donald Trump, der in seinen Reden zwar kaum ein Wort über den Goldpreis verliert, durch seine unberechenbare Politik jedoch zum mächtigsten Preistreiber für das Edelmetall wird. Erik Kirschbaum wies darauf hin, dass die von Trump ausgelöste globale Unsicherheit die Anleger massiv in den sicheren Hafen flüchten lässt. Für die US-Administration ist Rohstoffpolitik längst eine Frage der nationalen Sicherheit, bei der wirtschaftliche Vernunft oft hinter protektionistischen Zielen zurücksteht.

 

China operiert im Gegensatz dazu mit einer jahrzehntelangen Weitsicht und kontrolliert mittlerweile sieben Prozent der gesamten afrikanischen Landmasse. Christoph Hein betonte, dass Peking den Begriff der Rohstoffe deutlich weiter fasst als der Westen und konsequent in den Zugriff auf Land, Proteine und Fischbestände investiert. Diese Strategie ist in knallharten Fünfjahresplänen verankert, die mit einer Disziplin umgesetzt werden, die man in westlichen Demokratien heute kaum noch findet.

 

Auf der diplomatischen Weltbühne inszeniert sich China dabei geschickt als der neue „Good Guy“, der für Solidarität und eine sichere Weltordnung eintritt. Während die USA internationale Organisationen wie die WTO schwächen und „ins Elend laufen lassen“, füllt Peking die entstehenden Machtvakua konsequent aus. Dass das tatsächliche Handeln oft weit weniger altruistisch ist, spielt eine untergeordnete Rolle, solange das Narrativ der Verlässlichkeit international verfängt.

 

Ein Beispiel für die entschlossene US-Außenpolitik unter Trump war der spektakuläre Zugriff auf das Regime in Venezuela, der laut Kirschbaum durch einen Verrat im unmittelbaren Umfeld von Maduro ermöglicht wurde. Während Europa diesen Schritt primär als Völkerrechtsbruch kritisiert, sieht die US-Administration darin eine notwendige Maßnahme gegen den internationalen Drogenhandel und zur Stabilisierung der Region. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen verdeutlichen den tiefen Riss im Verständnis internationaler Ordnung zwischen den Kontinenten.

 

Ein fundamentaler Unterschied zeigt sich laut Kirschbaum im Verständnis des Völkerrechts: Während man in Deutschland den Aufschrei über Rechtsbrüche großschreibe, könnten die meisten Amerikaner mit dem Begriff wenig anfangen, da es in ihren Augen keinen wirksamen Welt-Polizisten gebe. In einer Welt ohne Schiedsrichter zählt für die US-Administration primär die wirtschaftliche und militärische Schlagkraft, was die geopolitische Lage für Europa zusätzlich erschwert.

 

Deutschland, als die am stärksten von Rohstoffen abhängige Industrienation der Welt, hat laut Stefan Müller den strategischen Zug absolut verpasst. Historisch bedingt verdränge die Bundesrepublik das Krisenpotenzial beharrlich, sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Während Länder wie Japan bereits vor über 15 Jahren staatliche Strukturen zur Rohstoffsicherung aufbauten, scheitert die deutsche Politik oft an der Kurzfristigkeit von Wahlzyklen.

 

Besonders kritisch ist die Lage bei den Rohstoffen für Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, moderne Rüstungssysteme und die Raumfahrt. Während der Ölmarkt seinen Zenit überschritten hat, wird der Markt für kritische Mineralien durch die enorme Inlandsnachfrage Chinas und den Aufstieg Indiens extrem eng. Der deutsche Mittelstand, der oft nur kleine Mengen spezifischer Rohstoffe wie Wolfram oder Antimon benötigt, ist hierbei am stärksten gefährdet.

 

Die Trägheit der deutschen Bürokratie erweist sich im globalen Wettbewerb als fataler Wettbewerbsnachteil. Müller schilderte, dass die Unterzeichnung einer einfachen Geheimhaltungsvereinbarung (NDA) mit deutschen Stellen vier Monate in Anspruch nehmen kann – eine Zeitspanne, die chinesische Investoren nutzen, um das gesamte Projekt schlichtweg aufzukaufen. Die Politik hat bisher nicht verstanden, dass es in diesem harten Wettkampf primär um Geld und Geschwindigkeit geht.

 

Müller schloss mit der Prognose, dass es wohl erst eines „Black Swan Events“ bedürfe, um ein echtes Umdenken in Deutschland zu erzwingen. Erst wenn Produkte des täglichen Bedarfs aufgrund fehlender Rohstoffe nicht mehr produziert werden können, könnte die nötige Energie für echte Strukturreformen entstehen. Bis dahin bleibt die Lage für den Industriestandort Deutschland prekär, da der globale Umgang um Ressourcen künftig noch härter, unversöhnlicher und teurer werden wird.

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Die Zusammenfassungen der Vorträge wurden von Fragold Connect erstellt.